RAF-Prozess: Verena Becker wird keine Bombe platzen lassen!

Im Prozess gegen Verena Becker zum Mordanschlag der RAF auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977 tauchten viele Ungereimtheiten auf. Die Angeklagte selbst schwieg bisher zu den vorgebrachten Anschuldigungen und Mutmaßungen. Völlig unerwartet will Verena Becker sich nun doch ausführlich äußern. Wirft sie sich nun schützend vor den Verfassungsschutz?

Mehr als 30 Jahre nach dem Attentat will das Oberlandesgericht in Karlsruhe seit dem 30. September 2010 klären, was genau die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker mit dem Mord an Siegfried Buback zu tun hat. Dass es überhaupt zu diesem Prozess gekommen ist, muss dem Sohn des Opfers, Michael Buback, angerechnet werden. Er bezweifelte die Urteile, die Christian Klar und Knut Folkerts für das Attentat verantwortlich machten. Wer von beiden geschossen haben soll, wurde dabei nie herausgefunden, denn sie selbst sagten dazu kein einziges Wort. Michel Buback stellte eigene Ermittlungen an. Er ist davon überzeugt, dass Verena Becker die Todesschützin gewesen ist und tritt deshalb im Prozess als Nebenankläger auf. Zum Prozess kam es, weil auf zwei Briefumschlägen der damaligen Bekennerschreiben der RAF ihre DNA-Spuren gefunden wurden.

Warum geht Michael Buback von Verena Becker als Täterin aus, die Staatsanwaltschaft aber nicht? Hinweise gibt es tatsächlich genügend:

  • In einem Artikel auf tageschau.de (3. Mai 2012) werden allein 7 Ungereimtheiten aufgelistet. Zum Beispiel, dass 20 Augenzeugen des Attentats von einer zierlichen Person sprachen, die mit auf dem Motorrad saß, einer Suzuki , von wo aus die Todesschüsse abgegeben wurden. Es gab aber keine Gegenüberstellung mit der schon verdächtigen Verena Becker. Auch die Tatwaffe wurde bei Becker sichergestellt.
  • Auf Sueddeutsche.de (11.08.2011)  wird von der Aussage des damaligen Chefreporters der BILD, Nils von der Heyde, berichtet. Dieser beteuerte vor Gericht, dass der damalige Abteilungsleiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Christian Lochte, in einem mit ihm geführten Telefonat Verena Becker als Täterin nannte. Lochte wurde später Präsident des Verfassungsschutzes und starb 1991.

“Es sind erdrückende Beweise, sollte man meinen. “Der Ermittlungsrichter, der daraufhin gesagt hat, Verena Becker sei dringend tatverdächtig, ist – wie wir heute wissen – daran verzweifelt, dass den Hinweisen nicht nachgegangen wurde”, so Buback. “Er beging Selbstmord.”

In diesem Artikel wird aber auch etwas anderes deutlich: Der Verfassungsschutz half der RAF aus  den Kinderschuhen:

“Die ganzen Häuser in der Köpenicker Straße und in der Eisenbahnstraße, wo die Damen alle saßen, haben Volker von Weingraber gehört, der auch in den Schmücker-Mord involviert ist und vom Verfassungsschutz Unsummen gekriegt und jetzt ein Weingut in der Toscana hat.” Ulrich Schmücker war Geheimdienstspitzel und Weggefährte von Verena Becker. Er wurde ermordet.”

Außerdem wurde als damaliger V-Mann Peter Urbach genannt, der in Berlin die Gruppe mit Waffen versorgte. Was wurde aus Peter Urbach? Dazu schrieb sueddeutsche.de am 17.03.2012:

“Peter Urbach soll in Kalifornien gestorben sein. Der V-Mann und Agent provocateur besorgte der ersten Generation der RAF Waffen und Equipment. Aus historischer Perspektive müsste der Berliner Verfassungsschutz als Pate der Roten-Armee-Fraktion gelten.”

Wurde Verena Vecker deshalb gedeckt, weil auch sie für den Verfassungsschutz gearbeitet hat? Auf Focus-Online lesen wir in einem Artikel vom 08.12.2011 über einen ominösen Zeugen, der im Prozess gegen Becker aussagte. In der damaligen Zeit für den Geheimdienst tätig, will er erfahren haben, dass der Chef des Verfassungsschutzes persönlichen Kontakt zu Verena Becker hatte und sie zu den bestbezahlten V-Leuten gehörte. Klingt etwas vage. Aber die vielen Merkwürdigkeiten um den Umgang mit Verena Becker als damalige Verdächtige lassen einen Verdacht zu. Dass es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit kam, berichtete Spiegel-Online am 05.09.2009. Demnach soll Becker von 1981 bis 1983 mit dem Verfassungsschutz zusammen gearbeitet haben. Gegen Hafterleichterung, -verschonung und etwa 5.000 D-Mark teilte sie ihr Wissen über die RAF und den Anschlag auf Generalbundesanwalt Buback mit.

Wenn man nun bedenkt, dass die Stasi die RAF ebenfalls unterstützt hat, dazu die Verstrickungen des Verfassungsschutzes in der rechts-extremen Szene (“Zwickauer Zelle”), dann muss grundsätzlich gefragt und geklärt werden, in wie weit der Staat an Terrorakten im Nachkriegsdeutschland beteiligt war.

Zu glauben, Verena Becker werde mit ihrer Aussage am 16. Mai die gelernte Geschichte der RAF korrigieren und den Staat bloß stellen, ist naiv. Bei so vielen Ungereimtheiten kann die Aussage von Verena Becker nur der Schadensbegrenzung dienen. So schrieb 3-SAT-“Kulturzeit”-Blogger Armin Conrad am Donnerstag dazu:

“Schließlich geht es hier um sehr viel mehr als um Verena Beckers persönliche Schuld. Wenn dieser Prozess in Stuttgart in den nächsten Wochen so endet, dass man künftig auf die Ära der RAF als eine Zeit zurückblicken könnte, in der Terrormorde mit Wissen des Staates begangen wurden – eine gerade auch im Spiegel der Erinnerung an diese Zeit unfaßbare Vorstellung – dann ist das Bild der Bundesrepublik Deutschland, und auch das Bild, welches wir generell von Staat und Staatlichkeit haben, elementar beschädigt.”

Daher wird Verena Becker mit ihrer Aussage wohl allen Spekulationen ein Ende bereiten wollen oder müssen, Widersprüche werden heruntergespielt und Michael Buback nur noch als Verschwörungstheoretiker bemitleidet. Ruhe im Karton ist dann keineswegs, denn es werden so lange Fragen gestellt bis sie beantwortet werden. Punkt.

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3 Antworten zu RAF-Prozess: Verena Becker wird keine Bombe platzen lassen!

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