Im Netz verloren oder vernetzt gewinnen! Warum wir uns von gelernten Automatismen lösen müssen.

Wer sich im Internet auf die Suche nach „Wahrheiten“ zu politischen Hintergründen und Informationen begibt, stellt schnell das fest, was für die analoge Welt seit jeher gilt: DIE Wahrheit gibt es nicht. Der Markt der Wahrheiten bietet Platz für jeden.  Verschiedene „Sender“ mit eigens „unwiderlegbaren“ Fakten bieten einzigartiges „Hintergrundwissen“. Der „Empfänger“ staunt! Und nun wird er entweder wie ein Jünger seinen Sender verteidigen oder noch nicht ganz überzeugt den nächsten Info-Guru suchen. Schnell landet man bei links- oder rechtsextremen Gruppen, religiösen Durchblickern oder im New Age-Zeitalter. Zur echten Meinungsbildung tragen solche Seiten wenig bei. Oft geht es nur um ein Für oder Wider. In den dazugehörigen Kommentarsektionen führt dies nicht selten zu gegenseitigen Beleidigungen oder Huldigungen. Was oft fehlt, ist eine sachliche Auseinandersetzung, da die dafür erforderlichen Argumente fehlen oder unzureichen ausgearbeitet sind.  So bleibt am Ende nur der Glaube daran, recht zu haben.

Gelernte Automatismen enden nicht bei WWW

Was uns scheinbar fehlt, sind echte Debatten und Diskussionen, über die Argumente und klare Positionen erst entstehen können! Zwischen „entweder- oder“ gibt es ein Leerzeichen, welches die meisten Info-Jünger scheinbar nicht ergründen wollen. Sie saugen sich lieber an ihren Positionen fest, wie ein Baby an einer leeren Milchflasche. Das ist jetzt meins und keiner darf’s mir wegnehmen! Gelernt ist gelernt! Schaut man sich die Polit-Talks im Fernsehen an, erkennt man das gleiche Muster. Wann haben Sie das letzte Mal gehört, dass jemand sagte: „Interessante Argumente! Darüber müsste ich mal nachdenken.“? In der Tat ist das schwierig, wenn man nicht auf Grund der Lösungsfindung debattiert oder diskutiert, sondern um für eigene Interessen, eine Partei, eine Instutition, ein Buch etc. zu werben. Ähnlich läuft es in jedermanns Alltag! So werben wir in jeder Diskussion, fast in jedem Gespräch, erstmal für uns. Gefangen in einer zweidimensionalen Welt ist scheinbar kein Platz zwischen Eitelkeit und Konsum. Kosumgüter sind auch Einstellungen und Meinungen, mit denen ich meine Konsumsucht legitimiere. Und da die permanente Wiederholung unser Verhaltensmuster entsprechend prägt und damit zu unserer Wahrheit wird, ist es nur allzu logisch, dass alles was diese in Frage stellt, nicht in die Einkaufstüte kommt. Was tun? Wir müssen die Nabelschnur abtrennen und anfangen, die richtigen Fragen zu stellen. Was ist eine Zeitung wert, in der mir die Redaktion die Vorzüge einer Faltencreme beschreibt, die drei Seiten später großflächig beworben wird? Ist es denn „journalistisch“, wenn eine Zeitung die Wirtschaftskrise oder den Wirtschaftsaufschwung formuliert, ohne tatsächlichen Zusammenhänge auch zu beschreiben? Schuldenaufbau, Schuldenabbau, Stimmung gut, Stimmung schlecht … das war’s? Egal, denn auf Seite 4 wird das neueste Auto beworben und auf Seite 7 das Kreditinstitut, welches es finanziert. Vergessen Sie einfach den Rest. In der Informationswelt, im Fernsehen, in den Magazinen, im Radio, sind wir nichts anderes als Käufer. Und gekauft wird, was Spaß macht oder einfache Antworten parat hält, die uns diesen Spaß nicht vermiesen. Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage. Auch wenn Sie nie gefragt haben, weiß man, was Sie zu brauchen haben. Die wirklichen Nachrichten, die echten News kommen vor der Tagesschau und vor den heute-Nachrichten. Da wird Ihnen gezeigt, nach welchen Werten Sie sich zu richten und wieviel Sie selbst davon schon haben. Angebote, sich upzudaten bekommen Sie im 30-Sekundentakt. Und so definieren wir uns über die Farbe des iPads, welches Mineralwasser wir trinken und darüber, ob wir zu H&M oder zu Prada gehen. Stimmt die Zahl der Konsumenten nicht, wurde die Zielgruppe mit der Produktwerbung nicht richtig erreicht. Ganz einfach, denn gekauft wird alles, was beworben wird. Anders sieht es bei den Werbeträgern aus. Brechen die Abonnenten weg, muss die Zeitung schlecht sein. Sie „funktioniert“ nicht, muss also weg. Stimmt im Fernsehen die Quote nicht, ist der Informations- oder Unterhaltungswert zu gering, also weg mit dem Quotendrücker. Oder war der inhaltliche Wert einfach viel zu hoch und deshalb die Quote so niedrig? Warum ist das auch für die GEZ-Anstalten entscheidend? Weil die Höhe der Quote auch hier den Preis für Werbeplätze bestimmt. Also entscheidet derjenige über den Inhalt eines Programms, der eines sicher nicht will: Nämlich, dass Sie tatsächlich informiert werden, tatsächlichen Diskussionen und Debatten beiwohnen und kritisch eine eigene Meinung bilden können. Nein, die Konzerne füttern die Medien nur mit Inhalten, die die Nutzer dieser Medien zu deren Kunden formen. Von der Butter bis zur politischen Meinung wird alles diktiert – und ihr Gehirn schreibt das ab.  Fernsehen ist ein schönes Wort. Wir sehen in einen Kasten und gucken in die Ferne, so wie ein Träumer ins Lagerfeuer guckt. Beide müssen aufpassen, dass sie sich nicht verbrennen – vor lauter Gedankenlosigkeit. Im englischen ist der Begriff Fernsehen viel ehrlicher: „Tele-Vision“! Was will man da ernsthaft erwarten? „Verbrauchertipp“, wie Werbung auch manchmal genannt wird, ist auch so ein schönes Wort. Weil, ein Tipp ist immer gut gemeint. Und: Sie sind Verbraucher, und zwar immer wieder neu. Sie gebrauchen nicht. Nein, Sie verbrauchen. Wenn Sie keine Zigaretten rauchen, dann aber Verben wie „besser“, „billiger“, „leckerer“ – Verb rauchen eben.

Die Chancen des Internets richtig nutzen.

Es gibt ja noch das Internet, mögen einige jetzt sagen und verweisen darauf, dass sie schon längst kein TV mehr schauen und Bild-Zeitung oder FAZ ebenso hinter sich haben. Aber auch das Internet ist mehr Geschäftsmodell als Informationsmedium, mehr Teilen von Eitelkeiten als das gemeinsame Erarbeiten von gesellschaftlichen und politischen Lösungen und Zusammenhängen. Früher sagte man, wer das Fernsehen richtig zu nutzen weiß,  erhält einen geistigen Mehrwert. Dies gilt um so mehr für die unendlichen Weiten des Internets.

Der echte Mehrwert des Internets ist nicht nur die Freiheit, rund um die Uhr shoppen gehen zu können, Unterhaltung zu finden oder seine Meinung kund zu tun, sondern vor allem die Vernetzung. Was technisch bisher gut funktioniert, sind die Vernetzungen über Facebook & Co. Solche Vernetzungen haben sogar Revolutionen in Gang gebracht. Aber auch, wenn  die neue Technik sehr schnell Vernetzungen schaffen kann, wird eine wichtige Ressource meist vernachlässigt: die Geistige. In Ägypten und Tunesien konnte man das gut beobachten. Die Revolution war schnell organisiert, aber was danach kommen sollte, wurde kaum diskutiert oder gar debattiert. Es gab also kein gemeinsames Fundament. Genau hier liegt aber die Chance! Wenn wir uns vom stereotypen Denken lösen und bereit sind, zusammen nach Lösungen zu suchen oder nach Antworten. Wenn wir lernen, zusammen zu überlegen und nicht nur vorgefertigte Meinungen kopieren, recherchieren lernen, statt zu schnell „Ja, Amen!“ oder Nein, Danke!“ zu sagen. Dann kann etwas entstehen, was über das Internet weit hinaus geht: Ein neues Denken, ein neues Miteinander. Ein Miteinander, das nicht von äußerlichen Werten geprägt ist, sondern von inneren. Es ist die Chance, sich von Ängsten zu befreien, die ja meist auf ein Gegenüber beruhen, das wir nicht verstehen. Auch die Angst, nicht mithalten zu können, ist eigentlich nur auf die Angst, nicht mehr genug Müll konsumieren zu können. Weil das ja schließlich alle tun. Und wer frisst schon gern allein? Wir sind viele und haben es selbst in der Hand. Wir haben die Freiheit, uns in Ruhe zu überlegen, was wir mit dieser anfangen. Nur verpassen sollten wir diese Chance nicht!

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