Presse verklärt den globalen Massenprotest

Zu den Protesten am Samstag haben sich in ganz Deutschland mehr Menschen versammelt als von den Initiatoren erhofft wurde. Fernsehen und Presse versuchen aus dem Sturm der Empörung ein laues Lüftchen zu machen. Das führt jedoch nur dazu, dass diese Medien ihre Glaubwürdigkeit verlieren und die Protestbewegung mehr und mehr Zulauf gewinnt.

Geschätzte 10.000 Menschen versammelten sich in Frankfurt, um gegen das Finanzsystem zu protestieren. Ähnliche Zahlen wurden aus Berlin gemeldet. In Hamburg beklatschten geschätzte 3.000 Bürger die Protestreden am freien Mikrofon. In mindestens weiteren 30 Städten fanden sich bis zu 1.000 Demonstranten zusammen. Das globale Finanzsystem ist jedoch nicht der einzige Gegenstand dieser Proteste, die Demokratie in unserer jetzigen Form steht am Pranger. Es geht um die kritische Hinterfragung des gesamten Systems. Es geht um mehr und echte Demokratie.

Auf Spiegel Online war gleich am Samstag unter der Überschrift „Protest der Träumer“  folgendes darüber zu lesen:

„Es sind Menschen dabei, die von sich sagen, dass sie nach langer Zeit wieder Lust bekommen haben zu demonstrieren. Die es plötzlich wieder chic finden, ein Weltverbesserer zu sein.“

Ein weiterer Artikel auf Spiegel Online brachte schon mit seinem Titel dessen Inhalt auf den Punkt: „99 Prozent blieben zu Hause“. Darin wurde die Zahl der Teilnehmer kurze Hand halbiert, kostet ja nichts! Was aber Geld bringt, sind Werbekunden. Und jetzt dürfen Sie raten, welcher Kunde seinen Werbespot vor einem Video platziert hatte, das auf Spiegel Online über die Protestbewegung berichtet. Richtige Anwort ist: Die Postbank, Tochter der Deutschen Bank. Noch Fragen?

Die „Bild“ fragt: „Sind die Euroretter schneller als die Wut der Straße?“ und verkauft so die Proteste als Empörung über die Euro-Krise. Ein scheinbar kluger Schachzug, denn nach dem G20-Gipfel am Wochenende in Paris postulierte Schäuble in Interviews in ARD und ZDF, bis Ende dieser Woche eine Lösung für die Schulden-Krise präsentieren zu können. ARD und ZDF verkauften bereits am Samstag in ihren Nachrichten die Proteste vom Samstag als Wut der Bürger auf die Finanz-Krise. Dass es bei den weltweiten Protesten aber nicht allein um die Abschaffung des korrupten Finanzsystems geht und erst Recht nicht um eine Scheinlösung von Schuldenproblemen, wird gerne verschwiegen. Bei den Protesten geht es auch nicht nur um die Abschaffung unseres korrupten weltweiten Finanzsystems. Es geht um eine Revision, um eine komplette Hinterfragung unseres Systems. Dies zeigt schon der Name der Bewegung, die neben den Occupy-Sympathiesanten am stärksten vertreten war und am besten organisiert ist: Echte Demokratie jetzt!

Hier noch ein paar andere Aussschnitte aus Artikeln, die ebenfalls die Proteste am 15. Oktober als reine Empörung über die Banken beschreiben, aber über die Dimension der Teilnehmerzahlen ein besseres Bild widergeben:

Die spanische Protestbewegung der „Empörten“ ist vitaler, als viele geglaubt hatten. 500.000 Menschen waren in Madrid dem Aufruf zur Kundgebung nach Angaben der Veranstalter gefolgt, in Barcelona 140.000. Auch in Valencia, Sevilla, Bilbao und sogar im asturianischen Mieres demonstrierten jeweils mehr als 10.000 Menschen.“ taz.de, 16.10.2011

„In Brüssel protestierten etwa 6000 Kapitalismuskritiker. Die Demonstranten zogen durch Belgiens Hauptstadt an der Börse“, euronews.de, 16.10.2011

„Auf dem New Yorker Times Square versammelten sich nach Angaben der Organisatoren der „Occupy Wall Street“-Bewegung mindestens 5000 Demonstranten. „Wir wurden ausverkauft, die Banken gerettet“, riefen die Teilnehmer. In Los Angeles beteiligten sich ebenfalls 5000 Menschen an einem Protestmarsch. Auch in Washington, Boston und Chicago gab es Kundgebungen.“ reuters.de, 16.10.2011

„Auch in Österreich gingen Menschen auf die Straße: In Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck fanden Demonstrationen und Protestmärsche statt.“, wirtschaftsblatt.at

„In rund 700 Städten weltweit haben sich Demonstranten der US-Bewegung „Occupy Wall Street“ angeschlossen.“ mdr.de

„Italienischen Online-Medien und TV-Sendern zufolge folgten mindestens 150 000 Menschen in Rom dem Aufruf. 750 Autobusse aus 80 italienischen Regionen waren am Tiber erwartet worden“ Focus Online, 15.10.2011

Die Bilder über die Ausschreitungen in Rom, bei denen eine kleine Gruppe Autonomer ein Auto anzündeten, stellte die Presse nur allzu gern in den Vordergrund. Sollte nicht Priorität haben, dass die Proteste weltweit und natürlich auch in Rom friedlich verliefen? Polizisten, die in New York oder Berlin gewaltsam gegen friedliche Demonstranten vorgingen, genießen hingegen wohl Presseschutz.

Es besteht die Gefahr, dass als Lösung für die Finanzkrise, eine demokratisch nicht legitimierte europäische Finanzregierung geschaffen wird und dies als Angriff auf die Banken und als Antwort der Proteste der Straße präsentiert wird. Lesen Sie dazu den Artikel „Die Schuldenkrise als Fahrkarte zur EU-Planwirtschaft?“. Kommunistische Strukturen werden die Empörung der Menschen in Europa und weltweit aber nur noch steigern, denn die Forderung lautet „Echte Demokratie jetzt!“ Und der Ruf danach hört erst auf, wenn ihn alle gehört, verstanden und umgesetzt haben.

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8 Antworten zu Presse verklärt den globalen Massenprotest

  1. feydbraybrook schreibt:

    ja, man muß das System grundsätzlich überdenken. Das heißt aber auch, seine eigene Rolle in diesem System zu analysieren und das ist es, was mich stört: wir alle sind Konsumenten und stützen mit unserem Geld auf unseren Banken dieses System. Und mal ehrlich: wir alle finden doch Geiz geil, oder nicht?
    Nein, ich sage damit nicht, daß man das nicht ändern sollte! Aber ich frage mich, wo dieserlei Gedanken auf den occupy-Demos formuliert werden (dürfen)? Und wenn ich an so Scherzkekse wie Anonymous denke, hört das SCherzen auf.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2011/10/16/occupy-borsen-banken-bier/

  2. denkbonus schreibt:

    Die Proteste werden sich ausweiten

    Die weltweiten Proteste am Wochenende waren lediglich ein erstes Warm Up. Allerdings konnten die meisten Leute, so gerne sie gewollt hätten, gar nicht an den Protesten teilnehmen, da ihnen schlichtweg das Geld für die An- und Rückreise fehlt. Wer zur Monatsmitte gerade einmal 50 Euro auf dem Konto hat, wird es sich dreimal überlegen, ob er 30 davon für eine Fahrkarte ausgibt. Eine mögliche Lösung wäre kollektives Schwarzfahren. Wenn in einem Zug 500 und mehr Demonstranten ohne Fahrschein zusammenhalten und den Schaffner einfach ignorieren oder ausbuhen und auslachen, beginnt die Sache spannend zu werden, da dann auch die ganzen kleinen und mittleren Städte in das Geschehen einbezogen würden auf dem Weg zur Großdemo.

    Ein vergleichbares Beispiel gibt es bereits in München, wo vor Jahren regelmäßige S- Bahnparties stattfanden. Flashmobartig hatten sich dort immer wieder 50 bis 100 Leute zur Party in der S- Bahn getroffen, haben ein zwei Stationen im Abteil gefeiert und die Kontrollettis einfach ‚rausgeworfen. Dann verließen alle Beteiligten gesammelt den Waggon um in eine andere Bahn umzusteigen und dort weiterzufeiern. So gingen die Parties oft über mehrere Stunden hinweg, wobei sich die Zahl der Beteiligten in der Regel um ein Vielfaches vergrößerte. Die Polizei war machtlos. Ähnliches müsste man mit der gerade erstarkenden Occupy- Welle verknüpfen, dann wäre garantiert mehr los auf den Demos und zudem hätten alle Spaß daran. Warten wir das kommende Frühjahr ab.

  3. Monika schreibt:

    und die Räder vom Bus die roll`n dahin,roll`n dahin…………
    Der Wandel ist nicht mehr aufzuhalten denn er findet bei den Menschen im Kopf statt und keiner wird sich dem entziehen können.Freiheit ist ansteckend!!!

  4. heartblogger schreibt:

    Was sich im Augenblick in den Medien zum Thema „Occupy“ oder „Echte Demokratie“ wiederspiegelt, schwankt zwischen Belächelung und Ermahnung und hat nichts mit einer notwendigen Grundlagendiskussion über das etablierte Banken- und Finanzsystem und Perspektiven für grundlegende Veränderungen dieser Systeme zu tun. Es ist schlichweg bloß eine Chronologie der Auseinandersetzungen – ob diese nun auf der Straße geführt werden oder in einer „Diskussionsrunde“ mit einem/einer Vertreter/in der Protestbewegung, dem/der meist drei oder vier Vertretern des etablierten Systems gegenübergestellt werden (so etwa in einigen Rundfunksendungen – die für mich jedenfalls ergiebiger sind als irgendwelche Fernsehdebatten). Dabei steht das Motto „Wir wissen, was wir haben, und nicht, was wir kriegen“ im Vordergrund und beherrscht auch die Argumentationslinien der meisten (system-)etablierten Interessenvertreter. Das verhindert eine wirklich offene und visionäre Debatte.
    Es ist auch nicht zu erwarten, dass die „Meinungsmacher“ der etablierten Medien sich ernsthaft dazu durchringen werden, die Debatte über Perspektiven für eine Systemveränderung zu befördern. Dazu sind sie viel zu sehr selbst Produkte des Systems und profitieren davon. Wir müssen diese Debatte also selbst führen und die (noch) offenen Kommunikations- und Informationssysteme dazu benutzen und die Diskussion weiter in die Gesellschaft hineintragen. Es erscheint mir sinnvoll, dass die auf diversen Foren reichlich verstreuten Beiträge zum Thema (technisch) auf einer Plattform zusammengeführt werden.

  5. Hella Streicher schreibt:

    Ein guter Artikel. Falsch ist nur die Überschrift. Die Presse hat den Massenprotest eben gerade nicht verklärt, sondern kleingeredet, verniedlicht o.dgl.m. Zur tatsächlichen Bedeutung des alten Wortes siehe http://woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=GV02122.

    • Björn Kügler schreibt:

      @Hella: Die Überschrift ist mit Bedacht gewählt, denn dass die Proteste kleingeredet und verniedlicht werden, trifft nur teilweise zu. Aber fast in der gesamten TV- und Presselandschaft werden die Proteste bzw. Kundgebungen ausschließlich als Wut gegen die Banken und deren Spekulationsgeschäfte beschrieben. Das nennt man Verklärung..

  6. Pingback: Europäische Initiativen Grundeinkommen verbünden sich

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