Künstliche Debatte stellt Selbstbestimmung der Frauen in Frage

Seit Jahrzehnten kämpfen Frauen für die Gleichberechtigung. Mit Recht. Aber immer wieder kommt der Verdacht auf, dass statt Gleichberechtigung Gleichschaltung gemeint ist. Nicht nur als Mann hat man ein bestimmtes Bild zu erfüllen. Auch die modern denkende Frau hat sich gefälligst in ein Korsett zu zwängen.

Es ist schon eine Ewigkeit her, da startete Alice Schwartzer mit ihrer Zeitschrift „Emma“ die „PorNo“-Kampagne. Diese sollte sich gegen das Männerbild richten, das Frauen nur als Sex-Objekte zeigt. Es ging zwar auch zu Recht gegen die Zwansprostitution, aber zudem generell gegen jedes Bild, das Frauen und Sex in Zusammenhang brachte. Wenn auch nicht so gewollt, so kam damit nach der sexuellen Befreiung der Frauen durch die Anti-Baby-Pille (was für ein Wort) in den 1960er Jahren, wieder die Beschneidung der Selbstbestimmung. Welche Frau hätte sich damals öffentlich dazu bekennen können, freiwillig Pornos zu drehen oder sonst wie exhibitionistisch veranlagt zu sein. Stattdessen hätten diese Frauen sich fragen sollen: Bin ich eine richtige Frau?

Um jedes Missverständnis auszuräumen, sei hier gesagt, dass jede Kampagne, die für Frauen die gleichen Rechte einfordert wie für Männer, richtig war und ist. Eine Kampagne, die Frauen eine Rolle aufzwingt, sollte es 2012 eigentlich nicht mehr geben.  Aber leider wird aktuell, also 2012, eine Feminismus-Debatte geführt, die eigentlich nur zeigt, dass Frauen sich immer noch nicht selbst definieren dürfen, sondern dass sie dem Bild der allgemeinen öffentlichen Meinung entsprechen sollen. Und wie öffentliche Meinung gemacht wird, sieht man an der Debatte über das Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber!“, das die Familienministerin Kristina Schröder jüngst veröffentlichte. Spiegel-Online kritisierte das Buch unter der Überschrift „Kristina Schröder kapituliert vor der Frauenfrage“  Dass Frau Schröder die Frauen 2012 nicht verstehen würde, sollte in diesem Artikel u.a. folgendes Zitat von ihr zeigen:

„Ausgerechnet sie, die immer Emanzipation und Selbstbestimmung der Frau gepredigt haben, pflegten vielfach ein Weltbild, in dem Frauen vor allem als Opfer von Rollenfallen und Männerbünden, als diskriminiertes und benachteiligtes Geschlecht vorkommen.“ Spiegel Online, 16.04.2012

Ob man den Inhalt dieses Zitates unterstreichen kann, sei mal – als Mann bin ich da jetzt ganz mutig – dahin gestellt. Wichtig ist, dass sie die vorgegebenen Rollenbilder kritisiert.  Spiegel-Online hält dagegen: „Von einer Diktatur der Verbiesterten kann keine Rede sein.“ Und jetzt wird es lustig, oder traurig oder einfach nur absurd: Am 18.04.2012, also nur zwei Tage später, war über den ganzen Tag prominent ganz oben auf der Startseite von Spiegel Online folgender Artikel anzuklicken: „Frauen gegen das Betreuungsgeld – Stoppt den Herdprämien-Unsinn!“

„Frauen aus ganz Deutschland stellen sich gegen das Betreuungsgeld: In einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE sagen sie, warum sie den Plan der schwarz-gelben Koalition für falsch halten. Mit dabei sind auch prominente Unionsanhängerinnen.“

Unterstützt wurde die Kampagne von Nachplapperern quer durch die Republik, die sich vor allem gegen Kristina Schröder und gegen ihren Einsatz für das Betreuungsgeld richtet. Das ging soweit, dass Grünen-Chefin Claudia Roth Kristina Schröder gar zum Rücktritt aufforderte. Sie bezeichnete die Ministerin als eine „Antifrauenministerin“ (taz, 16.04.2012). Aber es reichte noch nicht. Gestern, am 18. April, meldete Spiegel-Online: „Schröder-Gegner starten Internetkampagne“ Stand nicht in der oben erwähnten Buch-Kritik von Spiegel-Online, dass es keine vorgefertigten Rollenbilder mehr gäbe?

Um was geht es eigentlich bei der Idee des Betreuungsgeldes? Eigentlich nur darum, dass Eltern, die ihr(e) Kind(er) selbst betreuen, eine Unterstützung vom Staat erhalten. Die Kritiker meinen, dass dieses Geld für den weiteren Ausbau von Kita-Plätzen fehlen würde. Dass würde weiterhin Frauen dazu zwingen, zuhause bleiben und ihr(e) Kind(er) erziehen zu müssen. Vielleicht bin ich zu doof, vielleicht weil ich ein Mann bin. Aber sollte es tatsächlich nicht um etwas anderes gehen? Frauen, Männer, Eltern sollten selbst entscheiden können, ob ihr Kind in die Kita geht oder nicht. Frauen und Männer sollten selbst entscheiden können, ob ihnen ein Einkommen reicht oder nicht. Letzteres können sich die Wenigsten aussuchen, welches der viel größere Skandal ist, von dem die derzeit geführte Debatte nur ablenkt. Denn die Mittel dafür wären vorhanden. Da fällt mir sofort ein Slogan wie „Erst die Familie, dann die Bank!“ Aber es scheint in die Richtung zu gehen, dass man sich – ob nun als Mann oder Frau nur dann frei, modern und gleichberechtigt fühlen darf, wenn man viele Stunden für wenig Geld arbeitet. Da lenken Kinder eh nur ab. Und wenn doch welche in die Quere kommen, dann ab in die Kita damit … und dann geh‘ wieder arbeiten!

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