Vollgas für die Unterhaltung – Tod den Spaßbremsen!

Ob am vergangenen Wochenende in Bahrein oder das am 26. Mai stattfindende Finale in Aserbeidschan um den „Eurovision Song Contest“: Der Spaß kennt keine Grenzen. Die Formel-1-Piloten sahen die politischen Proteste gegen die dikatorische Königsfamilie wohl eher sportlich: Möge der Stärkere gewinnen. Hoffentlich zeigen sich die Sangeskünstler gegenüber der Situation in Osteuropa etwas sensibler.

Nach dem PR-Auftritt von Nazi-Deutschland bei den Olympischen Spielen 1936 zeigte sich die Weltöffentlichkeit fasziniert von der Perfektion der Ausrichtung und der Modernität eines neuen Deutschlands. Man verschloss die Augen vor dem antisemitischen Regime, dass sich als Herrenrasse sah und das Berlin noch rechtzeitig vor den Spielen von den Zigeunern „säubern“ ließ. Die FAZ endete ihren Artikel dazu am 22.05.2008: „Zwei Wochen nach Ende der Spiele von 1936 wurde der Vierjahresplan für die Aufrüstung verkündet. Vier Jahre später fanden die Olympischen Spiele nicht statt.“ Seither hat man es vermieden, internationale Großveranstaltungen an Länder zu vergeben, die gegen die international vereinbarten Menschenrechte verstießen – mit Ausnahme der Sommerspiele 1980 in Moskau, die von 64 Staaten boykottiert wurden. Mit den Olympischen Spielen in Peking 2008 aber änderte sich der olympische Geist und verzichtete zu Gunsten des Milliardengeschäfts auf ethische Grenzen. Ganze Stadtteile wurden für dieses Ereignis in Peking niedergerissen, deren Bewohner einfach vertrieben. So titelte der Focus am 26.06.2008: „Eine Stadt reißt ihre Geschichte ab“. Das war ebenso bekannt, wie die Tatsache, dass das chinesische Regime tagtäglich gegen die Menschenrechte verstieß. Trotzdem galt nach außen das Motto: „The Games must go on!“ Ein Milliardengeschäft. Im Zuge der Globalisierung profitierten von den gigantischen Bauaufträgen internationale Kreditgeber, Bauunternehmer und Architekten, vom eigentlichen Spektakel Konsumkonzerne wie Coca Cola, McDonalds oder Nike.

In Zeiten, in denen Großbanken und Konzerne auch in anderen Ländern, auf andere Kontinente hohe Profite erzielen können, sind moralisch-ethische Verfehlungen, wie zum Beispiel Folter oder Todesstrafe, nicht Bestandteil des Geschäftmodells, spielen also keine Rolle. Spielen dürfen die Sportler, begleitet von jubelnden Massen. Und die wollen immer weiter, höher, immer mehr. immer mehr Fun. Fantastisch! Für wen?

So spielte es auch keine Rolle, in welcher wievielten Runde sich in Bahrein die Opposition mit dem Königshaus herumschlagen musste, eher in welcher Runde beim Formel-1-Rennen ein Motor ausfiel. Bitte nicht der von Vettel, mögen viele Zuschauer gehofft haben. Dass es bei den Protesten von Tausenden für Demokratiereformen zu heftigen Auseinandersetzungen und zwei Toten gekommen war, konnte man eben nur sportlich sehen. So kommentiere John Todt, Chef des Welt-Automobilverbandes, die Ereignisse mit: „Wir sind kein politisches Organ, sondern ein sportliches“. (SZ, 22.04.2012). Die Fahrer selbst äußerten sich erst gar nicht zu den Geschehnissen wenige Meter von den Rennställen entfernt.  Dabei fällt mir spontan eine Gedankenkette ein: Auto, Weltverband, Öl …

Nun geht es bald los mit dem nächsten Spektakel. Am 26. Mai 2012 wird in Baku um die Wette gesungen. Zur Ausrichtung vom „Eurovision Song Contest 2012“ in der Hauptstadt von Aserbeidschan schrieb Amnesty International auf ihrer schweizer Website:

„Wenige Monate vor dem Eurovision Song Contest 2012 unternimmt die aserbaidschanische Regierung alles, um jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen. Zielscheibe von staatlichen Schikanen und Verhaftungsaktionen sind insbesondere Oppositionelle, Medienschaffende und junge Internet-AktivistInnen. Ein Facebook-Kommentar kann jemanden zweieinhalb Jahre hinter Gitter bringen.“

Nun haben in Baku Tausende Anhänger der Opposition gegen die Politik von Staatschef Ilham Alijew protestiert. Dabei wurden Protestler von Sicherheitskräften streng kontrolliert und gefilmt. Journalisten wurden daran gehindert, aussagekräftige Bilder einzufangen. Dazu aus Tagesschau.de am 23.04.2012:

„Aserbaidschanische Nichtregierungsorganisationen wollen mit der Kampagne „Sing for Democracy“ die internationale Aufmerksamkeit auf die Menschenrechtslage lenken. Nach Angaben des „Aserbaidschanischen Komitees gegen Folterungen“ gab es im vergangenen Jahr in Gefängnissen, Polizeianstalten und anderswo mindestens 136 Fälle von Folterungen.“

Noch ist Zeit, dass der Staatschef einlenkt und demokratische Reformen auf den Weg gebracht werden können. Wenn jedoch die restriktive Politik weiter forfgeführt wird,  würden bald Hunderttausende auf die Straße gehen, drohte der Chef der oppositionellen Partei Isa Gambar.

Von Künstlern kann man mehr Sensibilität erwarten als von Rennfahern auf der Überholspur. Wenn sich die Stuation in Aserbeidschan bis zum 26. Mai nicht gebessert hat, dann sollten sie einfach nur das tun, was sie am besten können: ihren Mund aufmachen!

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