ESM: Brüderles wirrer Auftritt im Bundestag – Strategie, Neid oder Angst?

Rainer Brüderle, Fraktionschef der FDP, hatte gestern im Bundestag einen bizarren Auftritt. In seiner Rede forderte er für Deutschland die Führung in Europa. Außerdem zeichnete er eine angelsächsischen Dollar-Verschwörung. Und bei Trittin beschwerte er sich über die verheimlichte Teilnahme bei der „Hochfinanz“, den Bilderbergern. Was war da los? Eine Analyse. (Videomitschnitt am Ende)

Bundestagssitzungen sind selten spannend. Nun gut, für die Unterhaltungsindustrie sind sie nicht gedacht. Aber gestern, als dann Rainer Brüderle vor das Pult trat, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Er beginnt mit der Ankündigung des nächsten G20-Gipfel und den dort zu besprechenden Währungsfrage als wichtigstes Thema. Dann folgt die Darstellung eines heftigen Währungskrieges:

„Währungsfragen sind immer auch Machtfragen. China schließt fast im Monatsrhythmus neue Währungsabkommen … das Ziel ist klar: Mehr Unabhängigkeit vom Dollar! China stellt den Leitwährungsstatus der Amerikaner schon seit langem in Frage. Russland favorisiert eine Kunstwährung über den IWF. Europa ist einen anderen Weg gegangen. Wir haben den Dollarstatus mit unserer Gemeinschaftswährung in Frage gestellt. Europa spürt jetzt den rauhen Wind der Welt, der Finanzmärkte … Die Angelsachsen diesseits und jenseits des Atlantiks raten uns: Macht mehr Schulden und lockert die Geldpolitik, das rettet eure Währung. Die angelsächsische Finanz-Lobby und ihre Verbündeten bei den Linken Europa und in Deutschland – das ist eine unheilige Allianz der Inflation.“

Er sieht also eine Verschwörung gegen den Euro, einen Kampf um die Leitwährung. Dann redet er von der Stabilität Deutschlands, der Hilfe für Spanien, von unschönen Signalen aus Italien und will damit deutlich machen, dass wir dringend den ESM-Rettungsschirm bräuchten. Interessanter Weise wettert er auch gegen den Eurobondsvorschlag der Sozialisten, obgleich der ESM noch viel weiter geht. Also eine gewohnte Augenwischerei. Aber dann:

„Deutschland muss eine Führungsrolle übernehmen, die Zeiten des kalten Krieges und des Sonderstatus von Deutschland sind vorbei. Russland übernimmt nächstes Jahr die G20-Präsidentschaft und will besonders eng mit Deutschland eine Struktur auf dem Weg bringen. Uns wird die Führungsrolle (in) Europa zugetraut. Wir müssen sie annehmen.“

Was für Strukturen, bitte? Aber davon mal abgesehen: Das klingt doch genau nach das, wovor unsere Nachbarländer sich immer gefürchtet und gewarnt haben: Ein großes, mächtiges Deutschland mit Führungsanspruch in Europa. Ist dies nun der dritte Streich? Klingt schauderhaft. Aber dazu muss man wissen, dass durch den ESM die Haushalte der daran beteiligten Länder quasi entmachtet werden. Vermutlich wird Deutschland mit den größten Anteil den ESM-Chef stellen. Und dieser ist mit seiner totalen Immunität, wie auch der ESM insgesamt, praktisch unantastbarer, wie in kaiserlichen Zeiten. Da der ESM-Chef immer der derzeitige Finanzminister ist, wird erst einmal Schäuble das ESM-Reich führen. Da nun aber davon auszugehen ist, dass spätestens mit den Wahlen 2013 Rot-Grün in die Regierungsverantwortung kommt, wird es dann wohl Jürgen Trittin werden, der das Zepter übernimmt. Dies ist als Hintergrundgedanke wichtig, wenn wir nun wieder in die Rede einsteigen. Nachdem sich Brüderle zwischenzeitlich über Ex-Außenminister Fischer hergemacht hat, der immer noch seiner Partei vorgeben würde, was sie zu tun hätte, ist er nun bei Jürgen Trittin gelandet:

„… Herr Triittin kuscht. dafür war Herr Kollege Trittin jetzt auf einer Konferenz der Hochfinanz, ihren Parteifreunden haben Sie das verschwiegen. Sie haben offenbar Angst vor der Kritik, vor dem eigenen Verein, nach dem Motto ‚Links unten anfangen, rechts oben ankommen‘. Das ist Herr Trittin! Es ist offenbar ein langer Weg vom „Kommunistischen Bund West-Deutschland“ zur Bilderberg-Konferenz, zur Hochfinanz.“

Der Rest seiner Rede ist nicht uninteressant, aber auch nicht neu. Daher bleiben wir bis zu diesem Punkt und fassen mal zusammen. Brüderle erwähnt eine „Hochfinanz“, die er im ersten Teil seiner Rede noch als „angelsächsische Finanz-Lobby“ bezeichnete. Damit beschreibt er eine Verschwörung. Nur ist nicht klar, warum. Denn er weiß mit Sicherheit, dass sein Partei-Kollege Guido Westerwelle ebenfalls Gast der Bilderbergern war, kurz bevor er Außenminister wurde. Für wen zieht er also diesen Vorhang auf? Am Montag eröffnete Spiegel-Online die genauere Berichterstattung über den ESM und schrieb über die Abgabe unserer Souveränität, sogar vom Quasi-Absolutismus. Gestern, also am Tag von Brüderle’s Rede, schrieben nun auch andere großen Medienportale erstmalig über die gefährlichen Konsequenzen. Focus.de wagte es sogar, frech zu fragen, warum es denn kein Widerstand geben würde. (Ja, warum wohl nicht, wenn erst jetzt offen darüber geschrieben wird? Geschenkt! Abgesehen davon: Es gibt ihn.) Wird nun öffentlich gemacht, woran seit langem im Hintergrund geschmiedet wird? Ein europäisches Reich unter der Kontrolle der „Hochfinanz“? Zumindest ist es keine Theorie, dass die Bilderberg-Treffen seit Mitte der 1950er Jahre stattfinden. Es ist auch keine Theorie, dass ein Spitzenpolitiker der FDP nun von einer deutschen Führung in Europa redet.

Möglich ist aber auch etwas ganz anderes: Neid! Vielleicht hat sich Brüderle ein sicheres, mächtiges Plätzchen an der Seite von Wolfgang Schäuble versprochen und sieht nun mit dem kommenden Machtverlust der FDP die Felle davonschwimmen. Und jetzt also ausgerechnet Jürgen Trittin? Dritte Möglichkeit: Angst! Er sieht immer klarer, was auf uns zukommt. Wäre es da nicht denkbar, dass ihm ein schlechtes Gewissen plagt und er Angst vor den Folgen hat? So oder so: Eine bemerkenswerte Rede, die nicht so einfach unter dem Teppich zu kehren ist. Und wenn nun die FDP wegen dieser Rede sich voller Scham aus der Koalition verabscheidet und  plötzlich Neuwahlen ins Haus stehen … ja, dann würde mich das auch nicht wundern.

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9 Antworten zu ESM: Brüderles wirrer Auftritt im Bundestag – Strategie, Neid oder Angst?

  1. humanicum schreibt:

    Brüderle, in vino veritas? Aus welcher Strausswirtschaft hat der nur immer wieder seine Weisheiten? Sollten wir vielleicht besser sammeln, um ihn einen Grundkurs VWL zu spendieren? Damit wir uns nicht so fremdschämen müssen für die Rotweinnase. Und einen Geschichtskurs braucht’s Brüderle auch. Angelsachsen, beidseitig des großen Teiches. Respekt.😉

    • Lockez schreibt:

      „Angelsachsen, beidseitig des großen Teiches. Respekt.“
      Sehe ich auch so! Fetten Respekt über die Unwissenheit von Herrn Brüderle, dabei dachte ich immer das die USA-Politker kein Plan von Geschichte haben.

  2. dieandereperspektive schreibt:

    Mit den Grünen an der Regierung hat die Hochfinanz den perfekten Partner. Wasser predigen und Wein trinken, das ist die Devise dieser Partei. Mit dem Segen der Bilderberger ist wohl der Weg zur Regierungsübernahme geebnet. Mit der Demontage von gut bezahlter qualifizierter Arbeit mittels der „blue Card“ haben sie ja bereits begonnen.

    • Lockez schreibt:

      Und für die DunkelGrünen hab ich mal vor gut 25 Jahren gekämpft !
      Heute empfinde ich das als Schande.

      • dieandereperspektive schreibt:

        Damals habe ich auch geglaubt, hier würde sich eine Partei bilden, die mit vernünftigen Ideen punkten kann. Aber kaum hat man von der Droge Macht (Regierungsverantwortung) gekostet, geht einem das Geschwätz von gestern nichts mehr an. Gerade Trittin in hierin besonders geschult. Er war schon als Umweltminister eine Fehlbesetzung.

  3. Lockez schreibt:

    Da hat der Herr Brüderle wohl etwas zuviel von seinem lieblings Rotwein getrunken !
    Sonst kann man seine merkwürdigen Äusserungen nicht so recht verstehen.
    Oder nimmt er etwa Drogen ???
    Fragen über Fragen ….

  4. rundertischdgf schreibt:

    Ob Brüderle noch durchblickte, das können wir nicht beurteilen. Daß aber zahlreiche Bundestagsabgeordnete, die sich auch gern als Volksvertreter nenne, keine Ahnung haben, das haben wir dokumentiert.
    Jeder Bundestagsabgordnete, der nicht richtig informiert wurde, müßte jetzt nach dem heutigen Urteil des Verfassungsgerichtes, kurz vor der Zustimmung zum ESM, auf die Barrikaden gehen.

    http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/06/19/esm-und-die-verfassungsfeinde/

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