Fördert eine Reichensteuer den Gemeinschaftssinn?

Frankreich will jetzt ernst machen und die Reichensteuer einführen. Auch bei uns wird schon seit Jahren darüber diskutiert und in der Partei DIE LINKE gehört eine höhere Versteuerung der Vermögenden zur Kernforderungen – was aber dabei auf der Strecke bleibt ist die Frage nach dem Gemeinschaftssinn.

Es hört sich so schön logisch an: Wenn 10 Prozent unserer Gesellschaft 3 Billionen an Geldvermögen besitzen und davon nur die Hälfte abgeben würde, könnte der sozialen Not ein Ende bereitet, die Angestellten weniger belastet und die Konjunktur stärker angekurbelt werden. In der Theorie ist das für die Mehrheit unserer Gesellschaft eine attraktive Idee. In Wahrheit jedoch unterstützt diese nur den gesellschaftlichen Verfall.

Wir leben in einer Gemeinschaft, in der der monetäre Reichtum ungleich verteilt ist. Diese Ungleichheit wird in unserem kapitalistischen System zwingend größer als kleiner. Dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten ist juristisch nicht beizukommen. Das Geld wandert dorthin wo noch mehr Geld ist, notfalls ins Ausland. Wenn es innerhalb einer Gemeinschaft zu einer ungleichen Kapitalansammlug kommt, kann dis eigentlich aushalten werden, aber nur dann, wenn sich diese tatsächlich als Gemeinschaft versteht, also sich jeder als Teilnehmer zum Gemeinwohl sieht. Dem ist aber nicht so. Und hier bist das eigentliche Problem zu erkennen, um eine langfristige Lösung zu finden.

Abgesehen von veboten gehöherenden Spekulationsgeschäften ist Reichtum das Ergebnis von viel Arbeit. Das Vermögen wurde vorher von sehr vielen Personen erarbeitet, von denen später aber nur wenige Personen die Nutznießer sind. Die anderen Personen arbeiten weiter, um ihre Grundkosten abdecken zu können – wenn überhaupt – und die wenigen, die sich abgesichert fühlen, also z.B. höhere Angestellte, Führungskräfte etc. müssen die immer größer werdende Zahl an Erwerbslosen mitfinanzieren, können dies aber immer weniger und teilen sich auf: in wenige Vermögende und sehr vielen Grundkostenabdecker oder Erwerbslose. Dies führt am Ende dazu, dass die Gesellschaft auseinander bricht.

Was kann man dieser Entwicklung entgegensetzen? Gewalt? Zwang? Revolution? Alles theoretisch möglich, würde aber im Kern nichts ändern. Es gibt noch eine andere Lösung: das Bewusstsein von Verantwortung und Gemeinschaft.

Der Reichtum entsteht fast immer mit Hilfe der Gemeinschaft, die aber nur deshalb als solche nicht davon profitiert, weil die Nutznießer den Sinn von Gemeinschaft nicht mehr hinterfragen. Wer Reichtum besitzt, muss sich darüber klar werden, dass er diesen der Gemeinschaft zu verdanken hat, in der er groß geworden ist. Das Vermögen ist neben persönlichen Fähigkeiten ein Ergebnis von Ausbildung, Infrastruktur, Kultur und der Arbeitskräfte – also ein Ergebnis von Investitionen anderer. In einem Wertesystem, in dem sich jeder Bürger seiner Verantwortung für die Gemeinschaft bewusst ist, wäre die Folge, dass der Profitierende einen Teil seines Vermögens wieder in die Gemeinschaft zurückfließen lässt – freiwillig.

Warum dies nicht geschieht ist eine gesellschaftliche Frage, darf aber nicht mit einer Zwangsabgabe beantwortet werden. Denn damit würde kein Bewusstsein für eine gesellschaftliche Verantwortung aufgebaut. Auch das viel diskutierte bedingungslose Grundeinkommen wäre nur dann tragfähig, wenn damit eine gesellschaftliche Verantwortung eines jeden Einzelnen einhergeht.

Dieses Bewusstsein zu schärfen ist grundliegend. Wenn wir ein paar hundert Jahre in unserer Zivilisation zurückgehen, dann müssen wir uns fragen, was das Ziel einer Gemeinschaft war. Kann dieses ein anderes gewesen sein als Wohlstand, Frieden, Sicherheit und Gesundheit für alle (in dieser Gemeinschaft)? Dieses Ziel bekam in der Geschichte so einige Etiketten. Monarchie, Kommunismus, Nationalsozialismus, libertärer Kapitalismus – ganz gleich mit welchem Stempel: Alle diese Ideen müssen als gescheitert gesehen werden. Unsere „Soziale Marktwirtschaft“ käme dem Ziel am nächsten, wenn dieses in unserer Gesellschaft nicht aus den Augen verloren wäre. Dies aber geschieht weiterhin, wenn wir uns nur mit der Gegenwart auseinandersetzen und uns über Sozialschmarotzer, Ausbeuter und unfähige Politiker unterhalten. Anstatt sich gegenseitig anzugreifen oder gar was wegzunehmen müssen wir uns alle auf die eigentlichen Ziele einer Gemeinschaft besinnen, darüber reden, debattieren und somit wieder ein tatsächliches gemeinsames Bewusstsein schaffen. Wenn dieses Ziel erreicht ist, müssen wir uns weder darüber Sorgen machen, dass Vermögende egoistisch ihr Geld horten, noch dass Arbeitslose sich auf staatliche Unterstützung ausruhen.

Das mag utopisch klingen und sicher sind gegenwärtig dringend Maßnahmen nötig, um mehr soziale Gleichgewicht herzustellen. Aber die Frage nach Sinn von Gemeinschaft und Gemeinwohl muss stärker diskutiert werden.

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5 Antworten zu Fördert eine Reichensteuer den Gemeinschaftssinn?

  1. Stefan Wehmeier schreibt:

    Ein unbewusster (noch nicht aus dem geistigen Tod der Religion auferstandener) Mensch, der „Kapitalismus“ sagt, meint „kapitalistische Marktwirtschaft“, und eine vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus befreite Marktwirtschaft liegt außerhalb seines Begriffsvermögens.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/behandlung-eines-privatpatienten.html

  2. dieandereperspektive schreibt:

    Da sind zwei Fragen noch offen: Wie ist der Reichtum entstanden? Durch Wettbewerbsvorteil und Betrug? Oder durch kluges aber faires Management? Bei den ersteren ist eine Steuer von 100% gerecht und sinnvoll. Bei den letzteren muß es eine Grenze geben (Steuer > 70 %) die der Kapitalanhäufung entgegen wirkt. Ungebremste Kapitalanhäufung bedeutet Konzern- oder Kartellbildung oder beides. Insofern liegt die Verantwortung doch mehr in den Kontrollgremien, die heuer total ausgehebelt und wirkungslos geworden sind. (Musterbeispiel BAFIN)
    Diese sogenannte Bremse ist auch eine Garantie für Wettbewerb, weil sie der Marktverdrängung durch zu große Unternehmen entgegen wirkt. Es ist auch so, daß die meisten Arbeitsplätze in mittelständischen Unternehmen entstehen und somit auch dort das Sozialsystem getragen wird. Dieses dürfen nicht so stark werden, dass sie das Kleingewerbe verdrängen können. Und sollten sie es tun, dann gibt es da was zu korrigieren.
    Damit ist auch die Frage nach zuviel oder zuwenig Staat schon beantwortet. Nämlich soviel Staat, damit das alles im Gleichgewicht bleiben kann. Teilt man den Markt in sich daraus resultierende Regionen auf, kann sich daraus auch ein nahezu homogener Wettbewerb entwickeln.
    Zuletzt die Rohstoffe. Die Aufgabe eines Staates ist es, diese verfügbar für jeden zu halten und das zu einem erschwinglichen wirtschaftsfördernden Preis. (Beispiel Strompreis, der nur in staatlichen Betrieben zum Selbstkostenpreis abgegeben werden darf. Dasselbe gilt dann auch für Heizkosten und Kraftstoffe) Damit allein wären alle Probleme nachhaltig gelöst, der Rest eine reine Ausgestaltungsangelegenheit.
    Nicht zu vergessen auch das Recht auf Eigentum, da verbietet sich die Grundsteuer auf die Wohnung/Haus in der man wohnt. Ansonsten ist das nämlich eine Pacht an den Staat. Auch das ist so zu begrenzen, dass es nicht ausufert. (Z.B: niemand darf eine Insel gehören)

  3. dieandereperspektive schreibt:

    Warum wird hier jeder Kommentar moderiert?

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