Wer Occupy für tot erklärt, hat nichts verstanden

In Frankfurt wurde das Occupy-Camp geräumt. Weltweit verschwinden die Zeltlager aus dem Städtebild. Schon wird die Bewegung für tot erklärt. Jedoch ist Occupy nur ein Synonym für eine weltweite Protestbewegung, die gerade erst begonnen hat. Wer diese Bewegung als gescheitert erklärt, kann oder will ihre Geschichte und ihren Kern nicht verstehen.

„DIE ZEIT“ schreibt in der Ausgabe vom 9. August 2012 unter der Überschrift „Anti-Banken-Protest – Ausgezeltet“:

„Occupy scheint am Ende zu sein … Einige sahen in Occupy eine antikapitalistische Weltrevolution. Das war die Bewegung aber nie. Sie bot nur ein Ventil für ein diffuses Gefühl, das viele Menschen teilten. Das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft nicht gerecht zugehe. Die Bank gewinnt, das Volk verliert. Als sich dieses gefühl entladen hatte, verpuffte es.“

Die Occupy-Bewegung ging aus der Aktion „Occupy Wall Street“  am 17. September 2011 hervor. Schon damals haben DIE ZEIT und die meisten anderen Medien den Protest nicht richtig einschätzen können:

„Was aber als langer Massenprotest unter dem Motto Occupy Wall Street (Besetzt die Wall Street) geplant war, scheint am vierten Tag nur noch in den sozialen Netzwerken ein größeres Thema zu sein.“ zeit-online, 21.09.2011

Stattdessen breitete sich die Bewegung über die ganze USA aus, gleichzeitig auch in Europa, Lateinamerika und Eurasien. In New York sind schließlich Anfang Oktober 2011 bei einem Massenprotest 700 Demonstranten festgenommen worden. Vorbild für die Occupy-Bewegung waren die landesweiten Massenprotesten in Spanien. Am 15. Mai 2011 konnte die Bewegung „Echte Demokratie jetzt!“ Kundegebungen in 40 Städten organisieren, die in der Belagerung von mehreren Plätzen endeten. Auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid schlugen 25.000 Menschen ihre Zelte auf, um gegen die Jugend-Arbeitslosigkeit von 50 %, gegen das Finanzsystem und für echte Demokratie zu streiten.  Diese System-Proteste halten im übrigen bis heute an.

Am 15. Oktober 2011 protestierten weltweit mind. Hunderttausende gegen das Finanzsystem, mehrere zehntausende in Deutschland. Vorher schrieb ich damals im Artikel „Der Geist ist aus der Flasche“: 

„Die Proteste in Europa, Chile, Israel und nun auch in den USA richten sich aber genau gegen diese machtgierige Finanz- und Konzernelite. Die Verteilung von Macht und Wohlstand ist global aus den Fugen geraten. Eine persönliche Erkenntnis von Ungerechtigkeit ist nicht mehr eine individuelle Frage nach dem Versagen, sondern durch die soziale Vernetzung im Internet und der Vielzahl von tatsächlich unabhängigen Nachrichten die gemeinsame, globale Erkenntnis, dass die politischen Führer versagen.“

Diese Vernetzung, die Verbreitung von Hintergrundwissen, die Suche nach handfesten Informationen und alternativen Lösungen – dies alles hört nicht plötzlich auf. Im Gegenteil: Das Misstrauen gegen das (Finanz-)System, und gegen die im Lobbismus versackte Politik wachsen, die Vernetzungen dehnen sich weiter aus. Die System-Kritik erreicht inzwischen weite Teile unserer Gesellschaft. So meldete zeit-online gestern:

„Acht von zehn Bundesbürgern wünschen sich angesichts der europaweiten Krise eine neue Wirtschaftsordnung … Zudem glauben zwei Drittel der Befragten nicht mehr daran, dass Wirtschaftswachstum die eigene Lebensqualität steigere.“

Und wer sich die deutschen Facebook-Seiten der Occupy-Gruppen oder von „Echte Demokratie jetzt“ ansieht, wird schnell feststellen, wie lebendig diese noch sind. Die Zelte mögen verschwunden sein, die Kritik jedoch nicht. Wir werden sehen, wie sie weiter an Kontur gewinnt und sich in immer größer werdenden Protesten offenbart.

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5 Antworten zu Wer Occupy für tot erklärt, hat nichts verstanden

  1. thomas schreibt:

    die „ZEIT“ ist inziwschen ohnehin eher eine teurere Bildzeitung. Was die auch über Assange gerade ablassen ist wirklich beschämend. Äußerst mittelmäßig auch deren Bildungsressort, in denen es zumiest nur um Bauchpinselung des gegenwärtigen Universitätssystems geht, so als ob da wirklich kaum was zu kritisieren wäre (außerhalb von spickenden Studenten natürlich!). Zumiest sind die Kommentare informativer als die Artikel selbst (bei dem Assangeartikel von heute findet man bspw erst in den Kommentaren, auf welchem Vertrag eigentlich das Verbot einer „Botschaftsstürmung“ beruht: §22 des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen; kriegt ein „Leidmedium“ wie die Zeit nicht hin, mal in einen Artikel zu schreiben, der im übrigen wie gesagt hochnotpeinlich geschrieben ist)

    Ansonsten hoffe ich, dass die Occupisten sich nicht entmutigen lassen, auch und wegen tendenziell rassistischer Verbotsbegründungen (Roma, Obdachlose und Junkies haben dazu geführt, dass die politische Botschaft der Occupisten in Frankfurt nicht mehr gegeben sein würde, wie das Gericht urteilte. Erinnert nur mich das irgendwie an etwas, dass man Entmündigugn nennen könnte? Sind Obdachlose, Asylanten und Junkies, die eher im Elend leben etwa kein politisches Problem? Ist deren Existenz also folglich nicht ebenso schon ein politisches Statement: ihr mögt diese Menschen ausschließen, wir tun das aber nicht?)

  2. Gebratene Schmeißfliege an Currysoße schreibt:

    Occupy hat kein echtes Programm, ist intern uneinig jeder will etwas anderes erreichen und vor allem demonstriert man nur gegen das System anstatt eine wirklich glas klar formulierte Alternative anbieten zu können. D.h obwohl ich sehr Systemkritisch bin fällt es mir zunehmend schwer mich mit Occupy zu identifizieren.

    • Björn Kügler schreibt:

      Wie schon beschrieben: Occupy ist ein Symbol für eine Stimmung, die viele Namen trägt. Die Stimmung hängt nicht mit den Namen zusammen

    • Andi schreibt:

      Vor dem Formulieren klarer Ziele, kommt die Erkenntnis. Die Erkenntnis als ertster Schritt eines Weges und als solchen begreife ich Occupy. Vor einem guten Jahr dachte ich noch, wann es den Leuten denn endlich reicht? Wie man sieht ging es Vielen so. Ein wahnsinniger Erfolg!

  3. Pingback: Kotzbröckchen mit Occupy, der GEMA, Twitter-Fakes und Star Wars Detours (KW 34) | Kotzendes Einhorn

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