45-Fieber: Ein Blick zurück von vorn! (Teil 1)

Politiker sprechen von Visionen und Träumen – seit ich meine Ohren benutze, seit ich lesen kann. Es geht um unsere Zukunft, es ging immer um unsere Zukunft. Nur kamen wir nie in einer Zukunft an. Da lohnt es sich, einmal zurück zu schauen, wie und was mir schon alles versprochen wurde. Ein persönlicher, politischer Rückblick!

In den 1980er Jahren fing ich an, realpolitisch zu denken. Eigentlich fing es mit einem Gefühl an. Als Kanzler Schmidt von diesem unsymphatischen Dicken abgelöst wurde, ich gespannt verfolgte, ob die FDP tatsächlich den Dolchstoß vollziehen würde, fühlte ich Wut! Verrat! Alles geschah konform mit dem Grundgesetz. Ich weiß noch, dass eine FDP-Abgeordnete die Moral-Frage stellte und dafür im Bundestag ausgebuht wurde. Seit dem hat sich nicht nur die FDP immer wieder selbst als Umfaller-Partei bestätigt, sondern auch, dass die Macht und der Einfluss, die Spitzenpolitiker ausüben nicht im Interesse der Wähler ausgeübt werden, sondern im Interesse der Geldgeber.

Rückblickend erscheinen die Jahre danach fast paradiesisch. Es gab zwar eine hohe Arbeitslosenquote, aber auch ein funktionierendes Sozialsystem. Gewerkschaften waren noch richtig mutig, forderten gar die 35-Stunden-Woche! An den Kalten Krieg hatten wir uns gewöhnt und an die Abschreckungsstrategie geglaubt. Die ganz großen Probleme waren die Dritte-Welt-Länder, ungerecht waren die hohen Ausfuhrzölle für dort hergestellte Waren. Darüber konnte man sich aufregen, aber das war weit weg! Es war damals schon politisch schick, Vegetarier zu sein und auf die Massentierhaltung hinzuweisen. Oscar Wilde lesen, Morrissey bei „Meat is Murder“ beim Wimmern zuhören und dann einen Abstecher in die besetze Hafenstraße machen, denn dort war immer was los. Oder doch lieber zum neuen Stück von Peter Zadek? Wir fühlten uns ziemlich allwissend, cool und glaubten, die Zukunft nur noch positiver gestalten zu können – als Gemeinschaft! Die Renten sind sicher, sicherte Finanzminister Blüm uns zu.

Der Höhepunkt der 80er und damit auch der Schlussakt einer klaren Zeit war natürlich der Fall der Mauer. Aber nach den ersten Freudentränen wurde schnell klar, dass nun eine gewaltige Umwälzung bevorsteht. Noch in der Nacht des historischen 9. Novembers posaunte ich hinaus, dass es nun zwangsläufig zu einer Wiedervereinigung kommen würde. Ich verfolgte die Schritte genau, aber nicht genau genug, wie sich später herausstellte. Ich las den Spiegel und das Abendblatt, andere die Taz, die Süddeutsche oder FR und so konnte man sich gut ergänzen – die gewünschte Volkesstimmung lasen wir an den dicken Überschriften der BILD ab, wenn wir am Bahnhof unsere Zeitungen kauften.

Die 1990er Jahre: „Wir müssen den Gürtel enger schnallen!“, „Blühende Landschaften“ … Man wollte sich ja nicht gegenüber seinen Brüdern und Schwestern egoistisch zeigen und nahm die Botschaften murrend an. Die 1990er Jahre sind rückblickend der Anfang einer Reise gewesen, in der sich der Kapialismus von seiner schlimmsten Seite zeigt. Schon damals wurde in der ehemaligen DDR geplündert was das Zeug hält. Infrastruktur  und Betriebe (auch wenn diese profitabel waren) wurden an die gierigen Investoren im Westen verschachert – plus Subventionen. Doch vorher stand noch Rohwedder im Weg, der als Chef der Treuhand sich gegen die internationalen Investoren stellte und die Betriebe erst einmal wieder fit machen wollte, mit samt den verbundenen Arbeitsplätzen. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass er deshalb erschossen wurde. Schließlich ging es um Aussichten auf Milliarden-Gewinne! Die Bürger der ehemaligen DDR wurden aber nicht nur um ihre sachlichen Werte betrogen. Heerscharen von Versicherungsagenten überfielen die überforderten Bürger und stellten ihnen den Traum von einer Rama-Idylle in Aussicht. „Der sah doch so seriös aus!“ – und weg war das Geld!

Der Ost-West-Konflikt war beendet. Was war nun zu tun? 1991 erschie das Buch „Generation X“. In diesem beschrieb Douglas Copeland die Verlorenheit einer Generation, die sich an nichts mehr aufreiben, für nichts mehr kämpfen kann, die sich nur noch in Drogen und Selbstzerstörung spürt. Alles Gute war da, alles Schlechte – zumindest theoretisch – bereits erledigt. Das Paradies als Hölle. Die pure Langeweile. Doch das Beben ließ nicht lange auf sich warten. „Wer bremst verliert“, riefen wir uns zu, wenn wir mit unseren Mountain-Bikes über die Berge fuhren. Das galt wohl nicht nur für uns. Nachdem Ideologien als Feindbild verschwanden, wurden uns nun Monster vorgeführt. Saddam Hussein wurde zum neuen Hitler. Auf der anderen Seite pustete Curt Cobain die Mittelschicht aus ihrer Trägheit. Und schon war die Langeweile weg. 1993 kam dann der Krieg ins Fernsehen, live! Mein gelerntes Verständnis von Krieg änderte sich auf einen Schlag.. Es gab bis dahin Vietnam, es gab den Afghanistan-Krieg , es gab den Iran-Irak-Krieg, alles Kriege, die in der Politik und in der Öffentlichkeit ihre Verurteilung fanden. Und dann plötzlich die Invasion der USA, um Kuweit von den Irakis zu „befreien“. Schon damals war für mich nicht klar, warum US-Soldaten für die Freiheit der reichen Scheichs sterben sollen. Nun denn: Nach 1982 und 1989 saß ich nun zum dritten Mal fassungslos vor dem Fernseher und konnte mich kaum beruhigen. Der Nachthimmel über Bagdad erleuchtete auf Grund der vielen Raketeneinschläge. Ich hatte Angst. Ich hatte schon vorher viel über den Nahost-Konflikt gelesen, kannte christliche Lektüre, die in einer Eskalation den Beginn von Armageddon sahen, den Beginn einer Neuen Weltordnung. Nun war sie ganz nah. Und natürlich lief es mir kalt den Rücken hinunter als Georg Bush genau diese Worte benutzte: „Dies ist der Beginn einer neuen Weltordnung!“. Danach folgten viele Diskussionen. Es geht um Öl, hieß es auf der einen Seite. Es geht um Religion, entgegnete ich, noch nichts wissend von den messianischen Einflüssen auf die US-Führung. So oder so: Bush sollte unrecht behalten. Dieser Krieg war nicht der Beginn einer neuen Ordnung, jedoch der Anfang einer neuen Unordnung. (Teil 2 folgt)

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