Sex in der Informationskrise

Bei Recherchen im Internet fällt immer wieder auf, dass Meldungen einfach übernommen werden – ohne Gegencheck. Bei Blogger ohne journalistische Vorbildung  ist das weder überraschend noch vorzuwerfen, bei großen Medienhäusern jedoch sehr zu kritisieren. Diese unterliegen dem Diktat der Schnelligkeit und verkommen im Netz zum Fast-Food-Journalismus. Die entstehende Leere sollen sexy Bilder füllen.

Wer blickt schon noch durch? Syrien, Iran, Euro-Krise, Moslem-Bashing? Oder leben wir tatsächlich in Gefahr? Als normalsterblicher Nachrichtenkonsument hat man keine Chance: Es gewinnt die Nachricht, die sich am besten verkauft. Verkaufen tut sich immer Tratsch und Sex, und auf der anderen Seite Angst! Frau Wulf war Prostetuierte? Uiii! Wenn der Euro fällt, fällt Europa? Uiiii! Das ist jetzt noch nicht einmal das Neue. Schon immer hieß es „Bad news are good news!“ und „Sex sells!“ Das Neue ist das Internet und das damit verbundene Vertrauen, sich umfassender, weil kostenlos, informieren zu können.

Der an aktuellen Ereignissen Interessierte ruft Spiegel-Online auf, dann mal Focus, vielleicht auch das Portal von DIE ZEIT, wenn die Zeit noch reicht. Aber: überall das Gleiche – also richtig und im Kopf als relevante Information zementiert. Als Info-Falle ist dies nur zu erkennen, wenn man selbst recherchiert und schnell feststellt, dass alle Online-„Journalisten“ nur wenige, wenn nicht eine einzige Quelle benutzen. Wirtschaftlich ist das logisch und arrogant zu gleich. Man vertraut auf seine Marke, die man sich über die Print-Publikationen aufgebaut hat und auf Redakteure, die froh sind, überhaupt erzählen zu können, dass sie für Verlag XY arbeiten. Diese  Mitarbeiter wollen nicht wissen, sondern Existenz, was dann heißt: erst Anerkennung, dann angeben, dann ficken können – am besten mit Koks nach einer Auszeichnung auf dem Klo des Preisverleihers. Das ist kein Vorwurf, das wollten wir alle am liebsten (mal). Der Vorwurf ist die gefährliche Maschinerie dahinter. Was in den 1980er Jahren in der Werbebranche begann – nämlich nicht dienstleistungsorientiert zu arbeiten, sondern sich selbst als Kreativer zu überhöhen und dann um sich we rben zu lassen – dass findet in der ach so freien Informationswelt des Internets seine totale Pervertion. Das Arbeitsverhältnis in der Medienwelt ist durchsäht von Praktikanten und bearbeitenden Redakteuren, von Hoffnungen, die wirtschaftlich genutzt werden. WIRTSCHAFTLICH! Das ist das Problem heute. Alles muss sich rentieren. Zeit ist Geld! Der Journalismus stirbt damit aus. Die Wahrheit, zumindest die versuchte Annährung mit ihm.

Verlage stehen im Wettbewerb zueinander. Focus und Spiegel sind Konkurrenten. Jetzt könnte man sagen, der Bessere gewinnt. Für Marktradikale ein Fest. Nur wird vergessen, dass der wirtschaftliche Erfolg vor dem gedachten und nach außen verkauften Auftrag liegt. Werbekunden dürfen nicht abspringen. DAS sind die Geldgeber, nicht Sie, die die Zeitungen kaufen oder deren Webauftritt frequentieren. „Regelmäßig updaten und alles ist gut. Ich weiß Bescheid.“ Das ist die Maxime auf die die Marke vertraut und auch worauf die Märkte vertrauen.

Alternative Medien leiden unter Subjektivität, sind aber in Teilen große Auffangbecken wie es sie schon immer gab, sekten-ähnlich. Wer den etablierten Medien nicht glaubt, findet schnell Anerkennung dafür. „Ja, stimmt! Wir sind eh nicht souverän!“ oder „Ja, stimmt! Wir sind ja eh die besseren Engel!“ oder „Ja, stimmt! Wir wissen um die Krisenvorsorge!“. Und hier beginnt die Informations-Krise. Was wissen Sie vom ESM-Vertrag? Was wissen Sie schon von Syrien? Was wissen Sie schon von Psychologie? Und was, was wissen Sie schon davon, wie man Menschen manipuliren „könnte“ (zumindest). Was wäre, lieber Manager, wenn zwar das Gehalt, aber nicht die Strategie von McKanzie stimmt?

Aber es betrifft nicht nur Manager, die belohnt werden und zur nächsten Zerstörung wechseln. Es betrifft alle Arbeitnehmer, die Geld verdienen. Sie wollen eigentlich und müssen auch wissen für was sie die Hälfte ihres Einkommens hergeben. Es betrifft auch die Beamten, die zwar noch lange verschont bleiben, aber auch wissen wollen warum sie was tun. Und warum es nicht reicht.

Ein Irrsinn … und hier endet der Artikel, weil es da weiter gehen  müsste, worauf ich keinen Einfluss habe: Auf die Bildung! In der Schule. Aber da, wem soll man das vorwerfen, gilt auch: Nicht aus der Reihe tanzen. Die Raucher in der hintersten Ecke auf dem Pausenhof waren schon immer die, auf die alle zeigten, die es nötig hatten.

In dieser Krise will man am liebsten abschalten, und … Sex! Ablenkung! Aber das ist eine Falle, und das heißt nicht, das man und frau nicht beides  – also Liebe und Information – haben kann. Dafür müssen wir uns vernetzen. Und auch wenn es nervt, hier ein aktuelles Beispiel zum „Aufruf zum Marsch auf deutsche Botschaft: Wem ist “der bekannte Scheich” Mohammed Dschisuli bekannt?“

Es gibt sie, dir Journalisten, immer noch. Sowohl im Mainstream als auch in den alternativen Medien. Aber sie werden aussterben, wenn der Glaube an Nachrichten wichtiger wird als deren Sinn und Hinterfragung – Internet hin oder her.

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8 Antworten zu Sex in der Informationskrise

  1. oliver2punkt0 schreibt:

    Ein guter Artikel. Die Belanglosigkeit und Unverbindlichkeit in der Berichterstattung nimmt täglich zu. Sie ist nur noch Füllmittel zwischen Anzeigen. Das alleine stört mich aber nicht so sehr wie die Tatsache, dass der Großteil der Leser dies gar nicht mehr mitbekommt.

  2. Niedersachse schreibt:

    Das erregt bei mir Brechreiz, wenn geschmierte Verlage wie Focus oder Welt Online Sexpraktiken erklären unter Terrorartilkeln, Geldanlage, versteckter Applewerbung und Gehirnwäsche.
    Gestern las ich bei Welt online unter Hirschhausen: Männer werden nach dem Sex wie Babys!? Häää? Hatte der Mann je Sex? Oder wird er wie ein Baby? Wie peinlich ist das denn??

    Also ich kenne das so: Frauen wollen kuscheln und Männer schlafen!

  3. dieandereperspektive schreibt:

    Was mir dabei noch fehlt ist Qutfit und Auftreten, rethorische Schulung, die sogenannten Publikumsmagneten. Sie sind der Katalysator bei der angeprangerten Meinungsmache des gelungen Artikels hier.
    Wer wurde schon einem Gnom, der sein Thema wirklich perfekt recherchiert vorbringt, beachten.

    • Björn Kügler schreibt:

      Richtig, das gehört thematisch hinzu, ist aber schon wieder ein Kapitel für sich. Vom Lobby-Wisperer bis hin zum markenrepräsentanem Fussballspieler sind rhetorische Schulungen heute das A und O. Intern, also in den „Führungsetagen“ selbst spielt Thetorik dagegen eine untergeordnete Rolle. Nach außen siegt weiter Form über Inhalt, wie ein Titelbild einer STERN- oder SPIEGEL-Ausgabe. Wie gesagt, lässt sich viel zu schreiben … kommt bestimmt noch.

      • dieandereperspektive schreibt:

        Das wäre wirklich gut, denn ich sehe darin die Wurzel des Übels. Das ist der Grund warum die Lüge interessanter ist als die Wahrheit. Doch frage ich mich, wie kann das anders werden?

  4. Niedersachse schreibt:

    Es wird z.Z. viel redundanter Unsinn verbreitet – ob der japanfeindlichen Demonstrationen in China – vom mainstream gleichermaßen wie von den Blogs.

    Das ist der bekannteste, chinesische Blog (Sina Weibo), das Pendant zu Facebook, und – nicht erschrecken, die Blogger sind unglaublich anständig und intelligent. Was in Deutschland unmöglich wäre, sich auf eine universelle Sprache zu einigen, damit auch das Ausland mitlesen kann, ist in China Normalität:

    http://blogs.wsj.com/chinarealtime/2012/09/16/photos-anti-japanese-protests-sweep-china/tab/comments/

    Man kann wirklich viel lernen, daß auch hinterfragt wird, welche Kräfte hinter den Demonstrationen stecken – und wer kein Englich kann, übersetzt die Kommentare einfach maschinell

    In Deutschland z.B. weiß man seit so vielen Jahren, daß der halbe Vorstand der NPD aus Agenten besteht. Und selbst der Skandal mit der NSU löst nur ein laues Lüftchen aus. Dabei versteckne sich eben genau die Kräfte dahinter, welche in die NPD projiziert werden. DIe NPD iszt sozusagen ein Schutzschild, damit einem der Sturm nichts ins Gesicht bläst.

    Weil ich hier jetzt einige Mal geschrieben habe, soll der Link auch hier herein. Ich hoffe, das geht?

  5. dieandereperspektive schreibt:

    Die Bilder sprechen für sich, auch wenn ich den Beweggrund also solchen nicht kenne nur ahne. Es gibt keinen Dialog, genauso wie bei uns auch. Also gibt es auch keine guten oder bösen, sondern nur wütende auf beiden Seiten. Und solange es agent provocateurs gibt, weis man nie genau, warum Gewlt eskaliert.

  6. Claudi schreibt:

    Das ist leider absolut Richtig!
    Leider kann man dies in vielen Medien verfolgen.
    „Bei Recherchen im Internet fällt immer wieder auf, dass Meldungen einfach übernommen werden – ohne Gegencheck.“
    So entsteht das perfekte Gerücht!

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