Syrien: Ein Kinderspiel?

Nur ganz kurz, da die Lage einfach zu unübersichtlich ist und ich weder die Nato-Strategie oder die von Assad kenne. Auffällig ist nur, dass bei Kriegsanbahnungen irgendwann immer die Kinder ins Spiel kommen, wenn die öffentliche Meinung für ein Krieg noch nicht bereit scheint.

Wenn die Meldung stimmt, wäre das schrecklich. Wenn die Meldung stimmt, ist auch herauszustellen, dass die Berichterstattung unter aller Sau ist:

„Während in dem seit mehr als einem Jahr anhaltenden Bürgerkrieg in Syrien kein Ende absehbar ist, müssen vor allem Kinder dort unvorstellbares Leid erdulden.“ Reuters, 25. September 2012

Und vor einem Monat, vor einem halben Jahr? Immer, von Anfang an, sind es Kinder, die nichts verstehen außer den Wunsch nach Harmonie, um daraus sich später mal selbst zu entwickeln. Diese Not in Syrien ist ja schon ein paar Monate alt, also warum wird uns jetzt plötzöich erzählt, dass GERADE Kinder so leiden? Ist also die jetzige Berichterstattung nur eine weitere Stufe?

Weil das eben schon immer das letzte Mittel war, um die Herzen der mitleidenden Bevölkerung zu gewinnen und härtere Maßnahmen zu legitimieren. Beispiel? Die inszenierte Brutkasten-Irakis-Horror-Storry! Eben ein Kinderspiel, um die breite Öffentlichkeit hinter sich zu bekommen.

Es ist nicht einfach zu fragen, wie denn Kinder von Greultaten erzählen können und wie man sie damit vorher „als Botschafter“ in die Freiheit entließ – Kinder! Sind also die wirklichen noch naiven Kleinen die Bösen in der Armee?

So oder so bleiben Fragen offen. Was nicht offen bleibt ist, dass eine große  Nachrichtenagentur eine Meldung verteilt und diese nicht hinterfragt verteilt wird.

Das musste mal gesagt werden. Und wie gesagt, eigentlich finde ich das zu zynisch, weil ja was Wahres dran sein könnte. Falle!

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4 Antworten zu Syrien: Ein Kinderspiel?

  1. rundertischdgf schreibt:

    Die Wahrheit bleibt in jedem Krieg auf der Strecke. Propaganda ist alles. Neuste Meldung, Deutschland gibt den Rebelle Millionen damit sie die „Verbrechen an der Zivilbevölkerung“ aufzeichnen und in alle Welt schicken können.

    http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/09/29/russische-logik-der-westen-sturzt-in-arabischen-staaten-regime-und-bringt-schlimmere-an-die-macht/

  2. Niedersachse schreibt:

    Als die Amerikaner die erste Atombombe in einer Felswüste bei
    Alamogordo in Neumexico zünden wollten, warnten Wissenschaftler eindringlich vor einem Entflammen der Erdatmosphäre. Trotzdem wurde sie gezündet. Noch in 400 km Entfernung erleuchtete der Blitz den Himmel. Ein riesiger Feuerball wuchs auf 1½ Kilometer Durchmesser an und die Erde bebte.

    Atombombenabwürfe von 1945 bis 1998 visualisiert

    Die erste thermonukleare Bombe

    Ihr Erfinder war ein Ungar, Edward Teller, und es scheint fast, daß die Ungarn nur Metakriminelle hervorgebracht haben. George Soros gehört in die Liga.
    Aber dem ist nicht so. Den folgenden Artikel kann ich nur wärmstens empfehlen, eine echte Ausnahme im Netz:

    http://ukraine-nachrichten.de/westliche-toleranz-sklaverei_3642_meinungen-analysen

    Wer den gelesen hat, spürt die europerversen Kerkermauern mit voller Wucht.

    Ich denke, daß uns nur noch ein Asteroidenbrocken ab 10km retten kann mit drauffolgendem Impaktwinter. Denn das größte Problem auf diesem Planeten ist ja wohl der Mensch.

    Eines meiner Lieblingsbücher ist von Arthur Koestler „Der Mensch – Irrläufer der Evolution“. Der Titel sagt schon in aller Deutlichkeit, worum es inhaltlich geht. Koestler war Misanthrop – wie ich – und er schreibt ganz ausgezeichnet.
    Ich befinde mich ohnehin in einer handverlesenen Gesellschaft: Arthur Koestler, Arthur Schopenhauer, Mark Twain – sie hielten den Menschen für eine Fehlentwicklung.

    Ein anderes Buch von einem tollen Autor mit prophetischem Weitblick möchte ich empfehlen, Stanislaw Lem „Der futurologische Kongreß“. Im Kern beschrieb er 1970 genau die von Drogen, Propaganda und Gutmenschlichkeit betäubte Gesellschaft und den zerrütteten Planeten, wie er uns heute das Leben zur Hölle macht mit der Einschränkung, daß die Masse in der Hölle das Himmelreich erkennt.
    Einzig das Antidot von Professor Tarantoga konnte die Giftmischung neutralisieren, und was man zu sehen bekam, war furchtbar.

    Stanislaw Lem hatte gegen Ende seines Leben seine Meinung über den Menschen auch revidiert und den Glauben an das Gute im Menschen und die bessere Gesellschaft aufgegeben.

  3. Niedersachse schreibt:

    Simon Merril: Sexplosion – Stanislav Lem `71

    Wenn man dem Autor glauben darf – und immer häufiger heißt man uns, den Science-Fiction-Autoren zu glauben! -, wird die derzeitige Sexflut in den achtziger Jahren zur Sintflut werden. Doch die Handlung des Romans »Sexplosion« beginnt zwanzig Jahre später in New York, das in den Schneewehen eines strengen Winters versunken ist. Ein Greis unbekannten Namens stapft durch den Schnee, stößt an die Rümpfe verschütteter Autos, erreicht ein totes Hochhaus, holt einen Schlüssel aus der Brusttasche, wärmt ihn mit dem letzten Rest seiner Körperwärme, öffnet das eiserne Tor und steigt hinunter in das Kellergeschoß; seine Wanderung sowie die eingestreuten Reminiszenzen – das ist der ganze Roman.
    Dieses dumpfe Kellergeschoß, durch das das Flackern der Taschenlampe in der zitternden Hand des Alten irrt, war teils ein Museum, teils die Expeditions- (oder Sexpeditions-) Abteilung eines mächti-gen Konzerns zu der Zeit, als Amerika noch einmal eine Invasion nach Europa vollzog. Die halb noch handwerklichen Manufakturen der Europäer prallten auf den unerbittlichen Gang der Fließbandproduktion, und der wissenschaftlich-technische postindustrielle Koloß siegte sofort. Das Feld behaupteten drei Konsortien: GENE-RAL SEXOTICS, CYBORDELICS und LOVE INCORPORA-TED. Als die Produktion dieser Giganten ihren Höhepunkt erreichte, wandelte sich der Sex aus einem privaten Zeitvertreib, einer kollektiven Gymnastik, einem Hobby und einer Heimwerkstatt in eine Zivilisations-Philosophie um.
    MacLuhan, der als rüstiger Alter diese Zeiten noch erlebte, bewies in seiner »Genitocracy«, gerade dies sei die Bestimmung der Menschheit gewesen, als sie den techni-schen Weg betrat, schon die an die Galeeren geschmiedeten antiken Rudersklaven, schon die Holzfäller des Nordens mit ihren Sägen, schon Stephensons Dampfmaschine mit Zylinder und Kolben hätten Rhythmus, Gestalt und Sinn der Bewegungen bezeichnet, aus denen der Sex besteht, dies sei der Sinn des Menschen. Denn die unpersönliche Industrie der USA hatte die Stellungskünste des Ostens und des Westens verschlungen, aus den Fesseln des Mittelal-ters Gürtel der Untugend gemacht, die Kunst für die Projektierung von Beischlafstellungen, Sexarien, Magnopenissen, Megalditoriden, Vaginetten und Pornotheken eingespannt, hatte sterilisierte Förderbänder in Betrieb genommen, von denen Sadomobile, Kohabitatoren, Heimsodomäler und öffentliche Gomorkaden rollten, und zu-gleich hatte sie wissenschaftliche Forschungsinstitute ins Leben gerufen, um den Kampf für die Befreiung des Geschlechts vom Dienst der Arterhaltung aufzunehmen.

    Der Sex hörte auf, Mode zu sein, weil er zum Glaubensbekenntnis wurde, der Orgasmus zur unablässigen Pflicht, seine Zähler mit den roten Pfeilen nahmen auf Schreibtischen und Straßen den Platz der Telefone ein.
    Was war damals der Alte, der nun durch die unterirdischen Hallen irrt? Rechtsberater von GENERAL SEXOTICS? Er erinnert sich ja an die berühmten Prozesse, die bis vor den obersten Gerichtshof gingen, an den Kampf um die Vervielfältigung des physischen Aussehens berühmter Persönlichkeiten, beginnend mit der First Lady der USA – durch Sexpuppen. GENERAL SE-XOTICS gewannen unter Einsatz von zwanzig Millionen Dollar, und so trifft das verirrte Licht der Taschenlampe auf verstaubte Klarsichtverpackungen, unter denen die führenden Filmstars und die ersten Damen der gesellschaftlichen Welt, Prinzessinnen und Königinnen in herrlichen Toiletten standen, denn nach dem Tenor des Urteils war es verboten, sie anders auszustellen.
    Im Laufe von zehn Jahren durchmaß der synthetische Sex den schönen Weg von den ersten, aufblasbaren und mit der Hand aufgezogenen Modellen bis zu den Prototypen mit Wärmeregulierung und Rückkopplung. Die Originale sind entweder längst verstorben oder zu altersschwachen Greisen geworden, doch Teflon, Nylon, Dralon und Sexofix haben dem Zahn der Zeit widerstanden, und wie in einem Wachsfigurenkabinett lächeln nun, vom Licht der Taschenlampe aus dem Dunkel gerissen, vornehme Damen reglos dem umherirrenden Alten zu, in ihren erhobenen Händen die Kassetten mit ihren sirenenhaften Texten (das Urteil des obersten Ge-richtshofes untersagte es den Verkäufern, Bänder in die Puppen einzulegen, doch jeder Käufer konnte das daheim selbst tun).
    Der langsame, schwankende Schritt des einsamen Alten wirbelt Staubwolken auf, durch die in blassem Rosa Gruppensex-Szenen aufleuchten, manche mit dreißig Personen, sie gleichen großen Striezeln oder sorgfältig geflochtenen Zopfkuchen. Vielleicht geht der Präsident von GENERAL SEXOTICS höchstpersönlich durch die Gänge zwischen Gomorkaden und gemütlichen Sodomälern, vielleicht der Hauptprojektant des Konzerns, der erst ganz Amerika und dann die ganze Welt genitostaltig gemacht hat. Dort die Visua-rien mit ihren Einstellungen und Programmen, mit der Bleiplombe der Zensur, um die es in sechs Gerichtsverfahren ging, dort Haufen von Behältern für den Überseeversand japanischer Kugeln, Olis-bose, vorkoitaler Salben und Tausender ähnlicher Artikel, wohlversehen mit Gebrauchsanweisungen und Bedienungsanleitungen.
    Es war die Ära der endlich verwirklichten Demokratie: Alle konnten alles mit allen.
    Dem Rat ihrer eigenen Futurologen folgend, teilten die Konsortien trotz der Antikartellgesetzgebung im stillen den Markt auf und widmeten sich der Spezialisierung. GENERAL SEXOTICS erstrebte die Gleichberechtigung von Norm und Abweichung, und die beiden anderen Konzerne investierten in die Automation. Flagellantenflegel, Schlagmaschinen, Hammerwerke erschienen in Prototypen, um die Öffentlichkeit zu überzeugen, daß von einer Sättigung des Marktes keine Rede sein könne, denn die Großindustrie, wenn sie wirklich Großindustrie ist, befriedigt nicht die Bedürfnisse, sondern weckt sie! Die früheren Mittel häuslichen Geschlechtsverkehrs konnte man dort ablegen, wo sich die Feuersteine und Knüppel der Neandertaler befanden. Gelehrte Gremien entwarfen sechs- und achtjährige Kurse, später Studiengänge an der Hochschule beider Erotiken, erfanden den Neurosexator und später Drosselspulen, Dämpfer, Isolationsmassen und spezielle Tonabsor-ber, damit die Menschen sich nicht gegenseitig ihre Ruhe oder ihre Wonne durch unbeherrschte Lustschreie störten.
    Doch muß man weitergehen, kühn und unaufhörlich, denn die Stagnation ist der Tod der Produktion. Schon plante und modellierte man einen Olymp zum Privatgebrauch, schon formte man aus Plastik in den strahlend hellen Ateliers von CYBORDELICS die ersten Androiden in Gestalt griechischer Göttinnen und Götter.
    Man sprach auch von Engeln und bildete finanzielle Rücklagen für Prozesse mit den Kirchen, darüber hinaus blieben noch einige technische Fragen zu lösen: Woraus macht man die Flügel? Natürliche Federn könnten an der Nase kitzeln. Sollen sie beweglich sein? Wird das nicht stören? Was ist mit der Aureole, was für eine Ausschal-tungsvorrichtung, wo ist sie anzubringen usw. Da schlug der Blitz ein.
    Jene chemische Substanz mit dem Codenamen NOSEX war schon vor langer Zeit, vermutlich in den siebziger Jahren, synthetisiert worden. Von ihrer Existenz wußte ein Kreis eingeweihter Fachleute. Das Präparat wurde zunächst als eine Art Geheimwaffe angesehen. Produziert hatten es die Labors einer kleineren, mit dem Pentagon verbundenen Firma. Die Anwendung des NOSEX als Aerosol konnte im Prinzip die Bevölkerung eines Landes dezimieren, weil dieses Präparat, in Bruchteilen eines Milligramms genossen, bereits alle Empfindungen aufhob, die den Geschlechtsakt begleiteten. Der Akt selbst war zwar weiter möglich, aber nur als eine Art ziemlich anstrengender physischer Arbeit, ähnlich dem Auswringen, Wa-schen oder Mangeln von Wäsche. Später ventilierte man ein Projekt, NOSEX zur Abbremsung der Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt zu verwenden, hielt das Projekt aber für gefährlich.
    Wie es zu der allgemeinen Weltkatastrophe kam, ist unbekannt. Flogen die NOSEX-Vorräte tatsächlich infolge eines Kurzschlusses und des Brandes in einem Behälter mit Äther in die Luft? Kam eine Aktion von Industriellen hinzu, die den drei marktbeherrschenden Gesellschaften feindlich gesinnt waren? Hatte vielleicht eine ultra-konservative oder religiöse umstürzlerische Organisation ihre Finger mit im Spiel? Wir werden es nie erfahren.
    Erschöpft von der meilenweiten Wanderung durch die Keller-räume, setzt sich der Greis auf die glatten Knie einer Plastik–Kleopatra, nicht ohne vorher ihre Bremse angezogen zu haben, und richtet seine Gedanken – wie auf den Abgrund der Hölle – auf den großen Krach des Jahres 1998. Von einem Tag auf den anderen wandte sich die Öffentlichkeit in einem Reflex des Ekels von allen Produkten ab, die den Markt füllten. Was gestern noch aufreizend gewirkt hatte, war heute nichts anderes als die Axt für den erschöpf-ten Holzfäller und der Zuber für die Waschfrau. Der (scheinbar) ewige Zauber, der Bann, den die Biologie dem Menschengeschlecht auferlegt hatte, zersprang. Von nun an erinnerte die Brust nur noch daran, daß die Menschen Säugetiere sind, die Beine, daß sie gehen können, die Hinterbacken, daß sie eine Sitzfläche haben. Mehr nicht, mehr absolut nicht! Glücklicher MacLuhan, der diese Kata-strophe nicht erlebte, er, der in seinen Werken die Kathedrale und die kosmische Rakete, den Rückstoßmotor, die Turbine, die Windmühle, das Salzfäßchen, den Hut, die Relativitätstheorie, die Klammern mathematischer Gleichungen, die Nullen und die Ausrufzei-chen als Surrogat und Ersatz jener einzigen Tätigkeit interpretiert hatte, die Seinserkenntnis im reinen Zustand ist. Innerhalb von Stunden verlor diese Argumentation ihre Kraft. Nachkommenloses Aussterben drohte der Menschheit.

    Es begann mit einer Wirtschaftskrise, gegen welche die von 1929 eine Lappalie gewesen war. Als erste zündete sich die Redaktion des »Playboy« selbst an und kam in den Flammen um; die Mitarbeiterinnen der Striptease-Lokale hungerten und sprangen aus den Fenstern; Illu-striertenverlage, Filmproduktionsstätten, große Werbekonsortien, Schönheitsinstitute machten bankrott, die gesamte Kalotechnik- und Parfümerie-Industrie brach zusammen, dann die Unterwäschefabrikation. ,999 hatte Amerika 32 Millionen Arbeitslose.
    Was konnte die Öffentlichkeit jetzt noch interessieren? Bruchbänder, künstliche Buckel, graue Perücken, zitternde Gestalten in Rollstühlen – denn nur sie verbanden sich nicht mit der sexuellen Anstrengung, diesem Albtraum, dieser Qual, nur sie schienen erotische Unangefochtenheit, also Aufatmen und Ruhe zu garantieren. Denn die Regierungen boten, die drohende Gefahr erkennend, alle Kräfte auf, um die Gattung Mensch zu retten. In den Spalten der Presse appellierte man an die Vernunft, an das Verantwortungsgefühl, man rief die höchsten Ideale ins Gedächtnis, doch dieser Chor von Autoritäten fand im allgemeinen nur taube Ohren. Es halfen keine Aufrufe, die der Menschheit einredeten, sie solle ihre Unlust über-winden. Die Ergebnisse waren kläglich; ein einziges, diszipliniertes Volk nur, das japanische, folgte mit zusammengebissenen Zähnen diesen Weisungen. Daraufhin führte man besondere materielle Anreize ein, Ehrendiplome und Auszeichnungen, Prämien, Belohnun-gen, Abzeichen, Orden und Wettbewerbe; als auch diese Politik zusammenbrach, kam es zu den unvermeidlichen Repressionen. Doch die Bevölkerung ganzer Provinzen begann, sich der Fortpflanzungspflicht zu entziehen, die Jugend versteckte sich in den umlie-genden Wäldern, die Älteren legten falsche Unfähigkeitsbescheinigungen vor, Bestechlichkeit untergrub die Arbeit der Sozialkommissionen für Kontrolle und Aufsicht, jeder war bereit, seinen Nach-barn auf Drückebergerei zu kontrollieren, mied aber selbst, so gut er konnte, diese anstrengende Arbeit.

    Die Zeit der Katastrophen ist jetzt nur noch eine Erinnerung, sie gleitet durch den Geist des einsamen Alten, während er im Keller auf den Knien der Kleopatra sitzt. Die Menschheit ist nicht ausgestor-ben; heutzutage geschieht die Zeugung aufsanitär-sterile und hygienische Weise und gleicht einer Impfung; nach den Jahren schwerer Erschütterungen ist nun eine gewisse Stabilisierung eingetreten. Doch die Kultur duldet keine Leere; und die entsetzliche Saugwirkung im Bereich der durch die Sexplosion verursachten Leere hat an diese verödete Stelle – die Gastronomie gerückt. Sie zerfällt in eine normale und eine unzüchtige; es gibt Fresser-Perversionen, Bildbände der Restaurant-Pornographie, und Mahlzeiten in bestimmten Stellungen einzunehmen, gilt als unsagbar unzüchtig. Man darf z. B. Obst nicht auf den Knien verzehren (doch gerade für diese Freiheit kämpft die Sekte der abartigen Knier), man darf weder Spinat noch Rührei essen, während man die Füße zur Zimmerdecke emporstreckt. Doch gibt es versteht sich – geheime Lokale, in denen unzüchtige Schaustellungen auf Kenner und Feinschmecker warten; vor den Augen der Zuschauer fressen sich Rekordinhaber so voll, daß den Beobachtern das Wasser im Munde zusammenläuft. Aus Dänemark werden pornonährische Bildbände eingeschmug-gelt, in denen wahre Gräßlichkeiten zu finden sind – bis hin zum Verzehr von Rührei durch Röhrchen, während der Esser mit dem Finger in knoblauchgewürztem Spinat wühlt und zugleich zerriebene Paprika mit Gulasch riecht; er liegt, in ein Tischtuch gehüllt, auf dem Tisch, seine Füße sind mit einer Schnur zusammengebun-den un4an einer Kaffeemaschine befestigt, die bei dieser Orgie den Kronleuchter ersetzt. Den Prix Femina errang dieses Jahr der Ro-man über einen Kerl, der erst den Fußboden mit Trüffelmasse einreibt und sie dann ableckt, nachdem er sich zuvor bis zur Sätti-gung in Spaghetti gewälzt hat. Auch das Schönheitsideal hat sich gewandelt: Heute muß man ein 130 Kilo schwerer Fettwanst sein, denn das zeugt von ungewöhnlicher Leistungsfähigkeit des Verdau-ungsapparats. Die Mode hat sich gleichfalls verändert: An der Kleidung kann man Männer und Frauen überhaupt nicht mehr unter-scheiden. In den Parlamenten der aufgeklärteren Länder wird da-gegen die Frage diskutiert, ob es möglich ist, Schulkindern die Geheimnisse des Verdauungsprozesses bewußt zu machen. Bislang ist dieses Thema als unanständig mit einem hermetischen Tabu belegt.
    Die biologische Wissenschaft schließlich nähert sich der Beseitigung des Geschlechts, dieses überflüssigen prähistorischen Relikts. Die Leibesfrucht wird synthetisch empfangen und nach dem Programm der Gen-Ingenieurtechnik gezüchtet. Daraus erwachsen geschlechtslose Individuen; erst das wird gespenstischen Erinnerungen ein Ende setzen, wie sie immer noch im Gedächtnis all derer herumgeistern, die die Sexkatastrophe durchlebt haben.
    In hellen Labora-torien, diesen Tempeln des Fortschritts, entsteht ein herrlicher Hermaphrodit oder vielmehr ein Geschlechtsloser, und die Mensch-heit wird sich, von ihrer alten Schande befreit, mit immer größerem Wohlbehagen an allen – nur gastronomisch verbotenen – Früchten vollfressen können.

    Die Geschichte ist im Handel nicht mehr erhältlich und – prophetisch. Ausgedruckt vom Blatt lesen, macht mehr Spaß.

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