Menschen in Ketten: Die Schuldenlüge (Teil 1)

Es ist schon erstaunlich, wie sehr der Alltag des scheinbar aufgeklärten Menschen geprägt ist von religiösen Mustern. Früher lehrten uns die Priester, dass wir schuldig sind. Heute lehren es stündlich die Flimmerkisten, inklusive einer Anleitung zur Buße.

Im Mittelalter muss es beeindruckend gewesen sein, wenn der Kardinal samt Gefolgschaft einer Stadt seine Ehre erwies. Die Menschen trugen farblose, einfache Kleidung. Farben gab es nur in der Natur zu sehen: der Himmel, die Wiesen, die Bäume, Früchte, Beeren. Die Erde war noch eine Scheibe und Gott hielt von oben sein wachsames Auge über jeden seiner Kinder. Und dann kam der Kardinal. Die Menschen standen am Wegesrand, jubeln. Auf einem rolleneden Thron sitzend, von prächtigen Pferden gezogen, präsentierte er seine Macht mit bunten Gewändern und einem auffälligen, goldenen Kreuz, das in der Mitte eine große Glaslinse hatte. Mit der Sonne im Rücken wirkte das Licht, das durch diese Linse schoss wie der Strahl Gottes. Der normale Mensch konnte nur niederknien vor soviel Himmelsgewalt.

Der Knecht Gottes unterwarf sich „seinem“ Wort. Dieses Wort wurde jeden Sonntag vom Pfarrer verkündet. Der Kern war: Du bist schuldig, nur durch meine Hand kannst du erlöst werden. Ein grandioses Machtsystem. Denn kein Mensch schaffte es, nicht immer wieder eine Sünde zu begehen. Und begang er tatsächlich eine Zeit lang keine, so beichtete er irgendwann seinen Hochmut über die anderen Sünder. Der Mensch war de facto in der Hand der Kirche, war mit seiner Schuld beschäftigt, mit seinem schlechten Gewissen und damit, es wieder gut zu machen, zu büßen: Ein Hamsterrad. Dann kam die Aufklärung und damit die Befreiung aus der Macht der Kirche.

Und heute? Man sollte meinen, dass unsere Gesellschaft es geschaft hat, ihre Ketten der Schuld abgelegt zu haben. Aber wenn man mit etwas Abstand einen Blick auf den heutigen Menschen in unserer westlichen Zivilisation wirft, dann scheint es als wären wir nicht einen Schritt weitergekommen. Das schlechte Gewissen ist so groß und breit gefächert wie niemals zuvor: Die Vergangenheitsbewältigung zum Beispiel. Auch heute noch werden die Greueltaten der Nazis emotional beladen in den Schulklassen den Kids unter die Nase gerieben. Das wäre noch zu kompensieren, wenn man sich nicht schon vorher schuldig fühlte, weil man dies oder jenes nicht richtig gelernt hat oder eine schlechtere Note schrieb als der Tischnachbar, den Anforderungen von Außen mal nicht entspricht. Das nächste schlechte Gewissen kommt mit der Erkenntnis, dass man die falschen Sneakers oder nicht die richtige Schultasche hat, die coole eben. So lernen Menschen schon von früh auf, dass Schuld und schlechtes Gewissen zum Alltag gehören. Und wo ist die Erlösung, die Vergebung? Die findet sich im Computerspiel, in dem man die Welt rettet oder bei Facebook, wenn zu sehen ist, dass da jemand „Gefällt mir“ geklickt hat. Kurze Erlösung bietet auch der Drogenrausch. Und verlassen kann man sich darauf, dass das Fernsehen oder Youtube vermitteln, dass echte Sünder und Verlierer echt anders aussehen. Dafür nimmt man auch gerne neue Predigten mit, die vielen Werbebotschaften und befolgt deren Anweisungen: konsumiere auf Teufel komm raus! Wer dies tut, z.B. für das neue iPhone gar in der Schlange steht, um es kaufen zu dürfen, der kann, falls er der Erste ist, sogar zum Star werden. Zum Konsumstar! Er muss nun aupassen, auch immer die richtigen Apps zu haben. Auch weiter hinten in der Schlange gehört man immer noch zur richtigen Gemeinde. Aber was ist mit den Schulden bei der Bank oder beim Netzbetreiber? Wird schon! Und auf geht es zur Uni (wenn man es „geschafft“ hat). Lerninhalte werden ähnlich konsumiert wie Fast Food – es muss halt für die nächste Abfrage reichen. Empirisch arbeiten? Keine Zeit. Das Arbeitsleben ruft. Dort angekommen ist Demut vor dem Job oberstes Gebot. Zeitgleich heißt es so schnell wie möglich eine Familie zu gründen, so wie in den Ikea- oder Rama-Spots. Die Angst, etwas zu verpassen wird immer größer: Den richtigen Karriereschritt, den richtigen Partner, die richtigen Accessoires, das richtige Auto und den richtigen Rahmen, darüber entscheiden zu können. Wäre da nur nicht die Schuld! Das schlechte Gewissen, weil man dies oder jenes einfach nicht hinbekommt, weil man weder al Carpone noch Ghandi ist (Ob mein Chef die E-Mail nicht falsch versteht?). Und dann die Angst, den Kredit nicht zurückzahlen zu können. Was soll dann werden? Wieder eine Mieterhöhung, wieder steigt der Strompreis, und wieder … Es reicht! Wann kann der Anzug nochmal aus der Reinigung? Ein Hamsterrad!

Im Mittelalter wurden die Menschen längst nicht so alt wie heute. Es bleibt also Zeit für eine gewisse Leere: „Burn out“ ist längst in aller Munde. Die Depression ist heute eine Volkskrankheit. Die Schulden auf der Bank, die Schulden in der Seele sind kaum mehr zurückzubezahlen, die Versagensangst bzw. die Versagenserkenntnis als letzter Schritt zur völligen Bewegungslosigkeit, zum Gefängnis.

Dabei ist das nur ein ganz einfaches Glaubenssystem, dass heute nur mit anderen Mitteln ausgennutzt wird wie im Mittelalter, eine menschliche Schwäche eben. Wir glauben an die erwählte Gemeinde, an die Regeln, an die Schuld, wenn man scheitert, an das schlechte Gewissen und können nur ausweichen, ablenken, also versagen, womit wir wieder schuldig sind. Zu durchdenken ist: Es geht nicht um Schuld(en), es geht um Verantwortung. Es gibt eine Befreiung aus der Angst. Eine echte Vergebung …

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7 Antworten zu Menschen in Ketten: Die Schuldenlüge (Teil 1)

  1. Maria schreibt:

    Wow, Amen, Bruder =)
    Sehr gut!

    Und leider ist das nur allzu wahr. Ich habe mich vor einiger Zeit zusammen mit meinem Mann ganz bewusst gegen dieses Hamsterrad entschieden. Und auch, wenn es einem dieses „Leben“ nicht leicht macht (im Gegenteil), merke ich, dass ich die, wie du sie nanntest, Schulden an meine Seele allmählig zurückzuzahlen imstande bin.

    Am meisten macht für mich der Aspekt der Zeit aus.
    Wir haben einfach keine Zeit mehr- für nichts. Ich fühle bzw. fühlte mich oft, als wäre ich in Michael Endes „Momo“ gefangen. Als würden die grauen Herren mein Leben klauen, meine Zeit. Keine Zeit für inspirierende Gespräche, für Spiele, für Literatur, für Freunde, Familie, für Bildung, Liebe oder Spaß. Alles muss schnell gehen, effizient, am besten zeitgleich. Lieber schlecht viel „schaffen“, als wenig, dafür aber gut. Und von „schaffen“ kann auch keine Rede mehr sein, denn wer SCHAFFT denn heute noch etwas in seinem Leben? Wer „Glück“ hat, kann ein tolles Auto, ein gefülltes Bankkonto und ein paar Erben sein Eigen nennen, aber geschafft wird nichts mehr. Wir gehen arbeiten (lang und auszehrend), lernen (kurz und schlecht) und konsumieren (das als Einziges lang und „gut“). Wir schaffen nichts, wir gehen höchstens an-schaffen- für das System, dass uns zerstört. Es ist absurd.

    Ab einem gewissen Punkt, fühlte ich mich, (und ich weiß ob des „abgedroschenen“ Begriffes, aber so war es nunmal) aufgeweckt. Es ist, als ob ich nun, da ich weiß, was das hier alles für eine Farse ist, die ausdruckslosen Kulissen, die sie sich erdreisten „Leben“ zu nennen, zum ersten mal klar und scharf umrissen sehe und erkenne. Das ist ein gutes Gefühl.

    Doch kein gutes Gefühl ist es, Tag für Tag zu sehen, wie viele Menschen absurder Weise sich von diesem System gezwungender Maßen verhuren lassen MÜSSEN und sich dann noch ob ihrer eingeredeten Schuldgefühle (oder andersrum: als Absolution) nur noch mehr dem System unterordnen.

    Du hast Recht, es ist das Gleiche in grün, nur, wie es sich in dieser Zeit ziehmt, höher, schneller, weiter…mehr mehr mehr…vor allem mehr LCD und LSD.

    Darum bin ich so, wie ich heute bin. Darum stehe ich, wann immer es geht, auf der Straße und versuche für die Kinder zu kämpfen die ich einst haben möchte, in einer Welt, die wir zusammen bauen können- mit Herz und Verstand, mit Menschlichkeit und Mut!

    An dieser Stelle noch ein, wie ich finde, wundervoller Text von Reinhardt Mey:
    „Die Mauern meiner Zeit“
    Erinn’rungen verblassen, und des Tages Ruhm vergeht,
    Die Spuren, die wir heute zieh’n, sind morgen schon verweht.
    Doch in uns ist die Sehnsucht, da etwas von uns bleibt,
    Ein Fuabdruck am Ufer, eh‘ der Strom uns weitertreibt.
    Nur ein Graffiti, das sich von der grauen Wand abhebt,
    So wie ein Schrei, der sagen will: „Schaut her, ich hab‘ gelebt!“
    So nehm‘ ich, was an Mut mir bleibt, und in der Dunkelheit
    Sprhe ich das Wort „Hoffnung“ auf die Mauern meiner Zeit.

    Die Herzen sind verschlossen, die Blicke leer und katt.
    Brderlichkeit kapituliet vor Zwietracht und Gewalt,
    Und da ist so viel Not und Sorge gleich vor unsrer Tr,
    Und wenn wir ein Kind lcheln sehn, so weinen zehn dafr.
    Der Himmel hat sich abgewandt, die Zuversicht versiegt.
    Manchmal ist’s, als ob alle Last auf meinen Schultern liegt.
    Doch tief aus meiner Ohnmacht und aus meiner Traurigkeit
    Sprhe ich das Wort „Hoffnung“ auf die Mauern meiner Zeit.

    Um uns regiert der Wahnsinn, und um uns steigt die Flut.
    Die Welt geht aus den Fugen, und ich rede noch von Mut.
    Wir irren in der Finsternis, und doch ist da ein Licht,
    Ein Widerschein von Menschlichkeit, ich berseh‘ ihn nicht.
    Und wenn auf meinem Stein sich frech das Unkraut wiegt im Wind,
    Die Worte „Ewig unvergessen“ berwuchert sind,
    Bleibt zwischen den Parolen von Ha und Bitterkeit
    Vielleicht auch das Wort „Hoffnung“ auf den Mauern jener Zeit.

    • Niedersachse schreibt:

      Wenn ich Ihnen (und Ihrem Mann) einen Tipp geben darf: machen Sie mal Urlaub in einem abgelegenen Kloster. Also, ich bin kein Christ und werde nie einer werden, und ums Christliche geht’s auch nicht.
      Und nehmen Sie nur das Nötigste mit (zum Nötigsten fällt mir immer nur ein, was ich nicht einpacken würde: Handy, Laptop, Uhr, Bibel … ). Ein Buch gehörte sicher ins Gepäck.

      Ich gehe, obwohl ein ungläubiger Thomas, öfter in die Kirche und höre mir die Messe an. Das hat irgenwie was Beruhigens. Natürlich wird auch oft Mist erzählt, das ertrage ich einfach. Und wenn’s ans Beten geht, heucheln ich. Merkt ja keiner, und weil ich nicht an Gott glaube sondern an Kopernikus, tut’s ihm nicht weh.

      Die ersten Tage werden anstrengend wegen der vielen Zeit, die man plötzlich hat. Aber man endeckt andere Dinge, wichtige Dinge.

      Das ist natürlich eine Frage des Geldes, das ist mir schon klar. Alternativ käme ein klener Urlaub in Frage, eine Messe. Kirchen sind überhaupt ein spannender Forschungsgegenstand.Und der Eintritt ist frei.

      • Maria schreibt:

        …Wie darf ich diesen Rat jetzt verstehen? Offensichtlich haben Sie mich irgendwie falsch verstanden…

      • Niedersachse schreibt:

        … um uns regiert der Wahnsinn (RM)

        Kein Rat, ein Tipp. Sie brauchen ihn ja nicht zu beherzigen.

  2. unnaaf schreibt:

    Du hast Angst und gibst es zu? So etwas macht man aber nicht.

  3. Niedersachse schreibt:

    Das Thema ist gut gewählt und dazu gäbe es sicher eine Menge zu sagen.

    Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß Sie auch beim Surfen ständig mit Ängsten und Schuldgefühlen zu kämpfen haben? Das ist nicht einfach, sich davon zu befreien.

    Man muß vor allem mit seinen Daten sehr, sehr vorsichtig sein. Und diese Vorsicht kennen die meisten nicht. Zumindest die meisten, die ich kenne.

    Datenkrake
    http://www.europro.de

    Verleumder
    http://www.demda.de

    Auf der Seite findet man wirklich Interessantes, aber auch viel Obskures (Klaus Dona) und für schwache Gemüter sehr Beängstigendes:
    http://www.alpenparlament.tv/

    Nachrichtenseiten
    http://newstral.com/

    Falco – sehr schöner Song

  4. christ schreibt:

    Die Lösung für das Problem und die richtige Befreiung gibt es nur durch den Glauben an Jesus (Bitte nicht zu verwechseln mit der Angehörichkeit zu einer Kirche, Tradition etc.). Googeln (oder Youtuben) Sie nach Pastor Wilchelm Busch. Ich garantiere Ihnen, Sie finden die richtige Lösung.

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