Wer oder was Macht macht und was wir daraus machen

Es zeigt sich immer deutlicher, dass unsere eigentlich vorhandenen demokratischen Strukturen bis in die dunkelsten Kaminzimmer hinein verfilzt sind. Die Vermutung, dass eine im Geheimen operierende Personengruppe die Fäden der Macht führt, ist gefährlich. Nicht, weil es solche Gruppen nicht gäbe, sondern weil diese Annahme zu unserer Ohnmacht führt. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter, die Lösung dafür einfacher.

Erschüttert bleibt man zurück, wenn man in der ARD-Reportage über den Versandanbieter Amazon Einblicke in eine Welt bekommt, deren Düsternis wir zumindest in Deutschland als abgeschafft glaubten. Ausländische Leiharbeiter werden wie Vieh in Massen für Bustransporte eingesammelt, damit diese für einen Minilohn ihre Schichten ableisten, um sie dann wieder zurück in Behausungen zu bringen, die nichts anderes zu sein scheinen als Aufbewahrungslager. Die Hoffnung auf eine Festanstellung dürfte trügerisch sein, denn die nächsten Arbeiter aus Spanien oder Griechenland stehen schon bereit. Willkommen im Niedriglohnsektor. Da ist es gut, dass die Arbeiter von ihrem kleinen Gehalt wenigstens günstig Kleidung kaufen können, die von Kindern am anderen Ende der Welt zusammengenäht wurde – für noch weniger Lohn. Ist ein Friseurbesuch drin? Sicher, denn der ist billig. Die Friseure sind gewerkschaftlich nicht geschützt und schneiden für einen Hungerlohn. Und die Normalverdiener geben ihr Geld für Artikel aus, die ihnen das vermeintliche Gefühl geben, etwas Wert zu sein – kaufen aber letzten Endes nur Schrott, den sie Monate später wieder ersetzen müssen. Zurück bleibt Leere und irgendwann die Frage, wozu das alles? Ganz gleich, wie viel Geld ausgegeben wurde. Der Mensch verkommt zum Human-Kapital und merkt es noch nicht einmal. Was aber ist in den letzten Jahrzehnten passiert? Wie konnten sich fast faschistoide Zustände in einer modernen Demokratie durchsetzen?

Was ist das Ziel eines Unternehmens in einem globalen Wettbewerb? Der maximale Profit. Nur wer ethische Bedenken über Bord wirft, stellt die Großaktionäre zufrieden. Das heißt auch, dass man seine Interessen an den Schaltstellen der Demokratie so lange durch Lobbyarbeit verkauft, so lange mit Scheinen an die Tür klopft – bis man hineingelassen wird. Und dann werden Strukturen geschaffen in Form von exklusiven Clubs, Vereinen und Gesellschaften, die „beratend“ zur Seite stehen. Diese nun funktionierenden Lobby-Strukturen findet auch jeder neu ins Amt berufene oder gewählte Politiker vor. Diese zu nutzen, gehört zu seiner Arbeitsplatzbeschreibung. Und das ist nicht nur in Washington, Brüssel oder Berlin so. Ein Vorstandsmitglied in einem mittelständischen Unternehmen wird früher oder später Unternehmensberater zur Umstrukturierung einladen, um die „Human Resources“ effizienter zu nutzen. Und dieser Vorstand hatte sicher nicht selbst die Idee, aber da sich alle Unternehmen McKinsey ins Haus holen, ist es sicherer, man tut es auch. Sonst fragt jemand noch komisch nach. Und man kann endlich beim nächsten Club-Dinner zur Zigarre davon erzählen, während sich die Arbeitnehmer mit Fließbandarbeit abfinden müssen. Oder sie lassen sich abfinden und stellen dann fest, dass man trotz seines Bachelors nur noch Fließbände vorfindet. Die Kasse klingelt lauter, aber nicht bei den Arbeitnehmern.

Oder wie haben es die Banken geschafft, dass wir uns als Staat nicht nur bei ihnen verschulden, sondern diese auch noch retten, in dem wir uns bei ihnen noch weiter verschulden? Oder warum lassen wir es zu, dass unsere Soldaten in Kriege ziehen, nur um wirtschaftliche, also Konzerninteressen zu wahren?

Das ist Macht. Macht kennt keine Grenze, keinen Halt. Die Macht frisst sich stetig durch die demokratischen Strukturen, kennt keine Perioden und gestaltet diese mit viel Geduld von innen um, schleichend. Ob Manager, Politiker oder Kirchenoberhäupter – in diese nicht demokratischen Strukturen wächst man hinein, begleitend von wohlklingenden Dossiers wie „Modell für die Zukunft“ oder der Angst, in das Nichts zurückzufallen. Nicht „man“ gehört dazu, sondern „es“ gehört eben dazu.

Natürlich gibt es auch Gruppen mit ganz konkreter Machtausübung. Die Bilderberger, die G30, Freimaurer, P2- und P3-Loge, Geheimdienste – das sind nur einige Beispiele über die natürlich berichtet werden muss. Aber letzten Endes ist es die Macht selbst, die durch ihre Stetigkeit in den Hinterzimmern der Demokratie wächst und wächst. Es gibt Niemanden, der diese aufhalten könnte. Nur eine einzige andere Macht kann dies tun: Die Mehrheit. Wir müssen uns auf unsere demokratischen Werte besinnen und uns wieder daran erinnern, wozu wir diese geschaffen haben. Was wollen wir mit unserem Leben anfangen, wieviel davon selbst bestimmen und was meinen wir mit Freiheit? Wir können den Filz aus den Amtstuben entfernen, aus der Politik. Wir können Unternehmer dazu auffordern, wieder ihren Pflichten zum Allgemeinwohl nachzukommen. Die Strukturen sind dafür da, sind in unserem Grundgesetz verankert. Wir brauchen keine Reform des Systems, sondern eine Reformierung der Systemträger. Wahrscheinlich brauchen wir eine neue Partei, die mit diesem Anspruch in den Wahlkampf geht. Eine Partei, die unser Grundgesetz lesen kann. Das Letzte was wir brauchen ist die Illusion unserer Ohnmacht oder folgender Aufforderung nachzukommen: Macht nichts! Es ist auch die Macht der Gewohnheit, an der wir was ändern können. Wer zum Beispiel ist auf Amazon wirklich angewiesen? Oder wer will die Politik der im Parlament sitzenden Parteien? Nicht die Mehrheit. Wir müssen nur was daraus machen. Wir!

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3 Antworten zu Wer oder was Macht macht und was wir daraus machen

  1. dieandereperspektive schreibt:

    Treffender könnte man diesen Zustand nicht beschreiben. Doch das Problem ist nicht nur was man jetzt tun soll, sondern wer tut es. Da wird doch selbst die Definition einer Minimalform des politischen Handelns zur Bildung einer handlungsfähigen Partei ein Problem.
    Wohin der Weg gehen kann, zeigen vielmehr die couragierten Gemeinden in Spanien und Portugal. Daher sollte das erste Signal zuert einmal ein STOP!-EURO-Signal sein.

  2. rundertischdgf schreibt:

    Wir träumen immer noch von einer neuen Form der „Runden Tische“ von Flensburg bis Lindau und Aachen bis Oppeln. Wobei wir sicherlich mit Oppeln schon wieder bewußt provozieren. Das muß aber sein, damit die Gehirnwindungen von Tabus frei werden. Es ist richtig, niemand soll resignieren, und solange man lebt soll auch versuchen etwas zu verändern. Rede mit dem anderen, kommuniziere auch auf diese Weise, schon seid ihr zwei, aus zwei werden vier, aus vier acht usw. Wie die „dieandereperspektive“ fragt, wer tut es? Du und ich ist unsere Antwort. Wir wissen nicht wo Du wohnst, wärest Du zufällig mein Nachbar, dann sind wir in unsere Straße schon eine Macht! Also mach es, gehe raus und suche die zweite Person.

    mfg http://www.runder-tisch-niederbayern.de oder auch http://rundertischdgf.wordpress.com/

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