Springteufel Erdogan: Scheitern am Größenwahn

Starköpfig und provozierend suchte der türkische Premierminister Erdogan sein Heil in einer erfolgreichen Ausdehnung seines Reiches und stieß dabei immer wieder an Grenzen. Sowohl die EU als auch die Nato ließen sich nicht in seine machtpolitischen Vorstellungen einbinden. Er blieb aber unbelehrbar, außenpolitisch ein Trotzkopf, dem jedes Mittel recht ist. Diese Großspurigkeit wirkte sich auch auf das eigene Volk aus. Die jetzigen Massenproteste sind ein Ergebnis aus der Summe von freiheitsfeindlichen Gesetzen mit dem Ziel Erdogan und seine Politik vom demokratischen Basar zu jagen. Die westliche „Gemeinschaft“ hofft nun ihn loszuwerden und dass er durch eine berechenbarere Person ersetzt wird. Es könnte aber auch genau das Gegenteilige passieren.

Als es 2012 innerhalb der EU zu Massenprotesten gegen die Euro-Diktats-Politik der Troika kam, wie z.B. in Griechenland, Spanien und Portugal, da schwiegen sich die Politiker aus – auch als Polizisten angewiesen wurden, Keile zwischen die Demonstranten zu treiben und sie diese dann zum Teil bis in die tiefsten Gassen und U-Bahn-Schächte jagten sahen ausländische Politiker darin keinen Anlass, sich darüber kritisch zu äußern. Das ist immer dann anders, wenn außerhalb der EU und der USA soziale Unruhen eine Regierung in Frage stellen. So wie aktuell in der Türkei. Premierminister Erdogan hatte sich lange gewünscht, dass sein Land endlich in der EU aufgenommen wird und das Land so sein Handels- und Einflussgebiet scheinbar stärken könne. Nicht zuletzt von der deutschen Regierung ausgehend wurde dieser Hoffnung regelmäßig ein Riegel vorgeschoben. Ebenso stärkte Erdogan die Wirtschaftsbeziehungen mit Syrien, so dass sich daraus tatsächlich ein reger Handel mit positiven Effekten für beide Länder entwickelte.

Hier schwenkte Erdogan jedoch seinen Kurs. Als 2010 in Syrien die Konflikte ausbrachen, sah der türkische Ministerpräsident wohl die Chance auf ein neues Osmanisches Reich. Nicht ganz ohne Grund. Denn richtig ist: Wenn das syrische Regime stürzt, würde das riesige Land in seine Einzelteile zerfallen und das Nato-Mitglied Türkei hätte sicher ein ordentliches Stück vom Kuchen abbekommen. Er wandte sich von Assad ab, unterstützte die syrischen Aufstände und hoffte nun auf einen baldigen Sturz von Assad. Als Granaten aus syrischem ein türkisches Dorf nahe der Grenze einschlugen und eine Frau und ihre Kinder tötete, war – noch bevor überhaupt klar war, von wem die Granaten abgefeuert wurden – das für Erdogan der willkommene Anlass, den NATO-Bündnisfall und einen Verteidigungskrieg heraufzubeschwören. Stattdessen wurden aber nur Raketenabwehrsysteme an der Grenze postiert. Für die NATO in sofern ein strategischer Gewinn, da sie für eine etwaig in der Zukunft zu verhängende Flugverbotszone sofort einsatzbereit wäre. Für Erdogan war dies jedoch eine außenpolitische Niederlage, er hatte sich zum kriegstreibenden Kasper gemacht.

Aber es ergab sich eine neue Gelegenheit für ihn, wie ein Springteufel wieder aus der Deckung zu kommen und die NATO aufzufordern, endlich in Syrien einzugreifen. Beim Doppelanschlag am 12. Mai in der türkischen Stadt Reyhanli, nahe der syrischen Grenze, kamen 46 Menschen ums Leben, hauptsächlich syrische Flüchtlinge. Sofort hat Erdogan den syrischen Präsidenten als Hintermann ausgemacht. Doch auch da reagierten die Bündnispartner nicht wie vom wilden Erdogan erhofft und blieben ruhig. Zu zerfahren ist die Lage in Syrien und nicht zuletzt stellte sich später heraus, dass syrische Rebellen für die Terrorakte verantwortlich waren.

Dies alles dürfte der türkischen Bevölkerung schon länger peinlich sein. Und gerade der jüngere, urban denkende Teil – der sich nicht nur auf einheimische Medien verlässt – hat sicher genau verfolgt, welche inkonsequente, kriegstreiberische Zickzack-Strategie ihr Präsident verfolgt. Nach absurden Auswüchsen wie den Alkoholausschanksverbot nach 22 Uhr war die geplante Zerstörung der Parkanlage in Istanbul, ein wichtiger und sehr beliebter Treffpunkt für die Städter, nur der berühmte Tropfen zu viel. Und auch der religiös-konservative Teil der Bevölkerung war sicher nicht erfreut über Erdogans inkonsequente Haltung und werden wohl ebenso hoffen, dass eine neue, stärkere Führungsfigur ihre Interessen vertreten wird. Politiker aus den USA, Deutschland und aus dem EU-Parlament schießen sich schon auf ein verbales Vernichtungsfeuerwerk ein. So steht jetzt nicht Syrien vor einem Verteilungskampf, sondern die Türkei. Bleibt abzuwarten, wer davon profitieren wird. Sowohl die westlich-orientierten NATO-Diener als auch die erzkonservativen Glaubensbrüder stehen bereit.

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2 Antworten zu Springteufel Erdogan: Scheitern am Größenwahn

  1. Emily Short schreibt:

    Wenn ich mich richtig erinnere wurde doch Syrien Unterstüzung aus dem Iran zugesichert, oder? Es bleibt nur zu hoffen, dass sich das Ganze nicht zu einem Flächenbrand ausweitet.

  2. Reyna Wooten schreibt:

    Syriens Opposition begrüßte Erdogans Vorstoß. „Eine Flugverbotszone würde das Leben von Frauen und Kindern retten“, sagte Louay al Moktad, Medienkoordinator der Rebellenarmee FSA, dem Tagesspiegel. Er hoffe, dass der Aufruf des türkischen Ministerpräsidenten in der internationalen Gemeinschaft Wirkung zeigen werde.

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