Zweierlei Maß bei Berichterstattung über Proteste und Polizeigewalt

Deutsche Politiker, Künstler und tausende Bürger solidarisieren sich mit den Demonstranten in der Türkei und verurteilen die brutale Vorgehensweise der Polizei. Dieses Engagement ist die Konsequenz aus der ständigen und ausführlichen Berichterstattung der hiesigen Medien. Ähnliche Proteste und Gewalteskalationen 2012 in Spanien wurden dagegen von den Medien weitestgehend ignoriert oder stark verharmlost, entsprechend von der Öffentlichkeit kaum wahr genommen. Spanien ist in der EU, die Türkei nicht.

Claudia Roth, Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen musste sich die Augen reiben. Als Protesttouristin besuchte sie das Lager der Demonstranten in Istanbul und wurde selbst Opfer der gewaltsamen Räumung. Es waren genug Fotografen zur Stelle, die ausreichend bebilderten, wie die Politikerin mit den Tränengas in ihren Augen kämpft. Solche Bilder machen Eindruck und erhöhen den Druck auf die Öffentlichkeit sich empört zu zeigen. Da gehört die Empörung nämlich hin, außerhalb der Euro-Zone. Jedenfalls wenn es nach dem Wunsch deutscher Politiker geht.

Bei aller richtigen Empörung über das Geschehen in der Türkei muss gerade auf die Empörung auch innerhalb der EU erinnert und hingewiesen werden, auch weil diese Union mit dem Friedensnobelpreis 2012 ausgezeichnet wurde. 2012 gingen in Spanien, Portugal und Griechenland Millionen Menschen regelmäßig auf die Straße, um gegen Sparmaßnahmen zu protestieren, die von der EU unter der Führung Deutschlands auferlegt wurden. Dabei kam es mehrfach zu brutalen Übergriffen der Polizei auf friedliche Demonstranten. In Madrid zum Beispiel wurden „die Empörten“ nach einer wiederholt gewaltsam aufgelösten Demonstration von der Polizei regelrecht gejagt – bis hinein in die unterirdischen U-Bahnstationen, wo es aus der Gewalt kein Entkommen mehr gab. In den Medien war kaum etwas darüber zu erfahren.

Nachdem sich entsprechende Bilder und Videos über die Sozialen Netzwerke rasch verbreiteten, wollte Spaniens Regierungschef Rajoy das Bebildern von Polizisten bei Einsätzen verbieten lassen. Erst diese obskure Erinnerung an das totalitäre Regime von Franco führte zu vereinzelnden Artikeln in größeren Medien. Die Massenproteste, die jedoch vorher und auch danach in Südeuropa stattfanden, wurden jedoch weitestgehend ignoriert. Ist der Grund dafür, dass sich diese Massenproteste auch gegen die deutsche EU-Politik richten? Die Gegenwartsform in dieser Frage ist absichtlich gewählt, da die Proteste noch andauern, auch wenn Sie kaum davon zu lesen oder zu sehen bekommen.

Deutsche Politiker zeigen sich bei Niederschlagungen von Protesten nur dann moralisch entrüstet, wenn diese außerhalb der EU-Zone stattfinden. Das kann dann auch dramatisch werden. Übrigens informiert die Website bundestag.de darüber, welchen Beruf Claudia Roth vor ihrer politischen Karriere ausübte: Dramaturgin.

Hier ein Video zu der Jagd auf Demonstranten in Madrid am 26.09.2012

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Eine Antwort zu Zweierlei Maß bei Berichterstattung über Proteste und Polizeigewalt

  1. landbewohner schreibt:

    auch stuttgart, frankfurt etc. sollte man nicht vergessen.
    ansonsten: vollste zustimmung.

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