Deutsche Befindlichkeit: Messer im Rücken der Demokratie

Es ist fast so als ob auf dem Dach des Deutschen Reichstags ein Tuch heruntergerissen wurde und nun für alle Bundesbürger deutlich sichtbar eine überdimensionale US-Flagge im Himmel über Berlin weht. Plötzlich ist alles anders. Aber der Alltag geht weiter, muss weitergehen. Die Deutschen unter Schock. Nicht unweit vom Parlamentsgebäude stand vor 24 Jahren noch die Berliner Mauer. Heute steht wieder eine Mauer, eine des Schweigens.

Vor dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ gehörte es für die DDR-Bürger zum politischen Bewusstsein, dass die Politik nicht im eigenen Land, sondern in Moskau entschieden wird. Vielleicht erklärt sich so ein Teil der Erstarrung, die die Deutschen derzeit befallen hat. Es stellt sich heraus: Kaum ist die Stasi-Überwachungsdiktatur überwunden ist man direkt in der Nächsten gelandet. Der damalige Kampf der DDR-Bürger um Freiheit und Demokratie muss für heute wie ein schlechter Witz wirken. Noch nie wurden die Bürger so massiv überwacht und analysiert wie in der Zeit nach der Wiedervereinigung. Und immer noch scheint der politische Wille des Volkes nicht von der dafür gewählten Regierung auszugehen, sondern von einer fremden Macht weit weg von Berlin. Das jahrelange Ringen um die richtige Haltung zur EU und unserer Souveränität wirkt wie eine kindische Spielerei angesichts der nun demonstrierten Machtlosigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika. Die ehemaligen Bürger der DDR müssen sich mindestens betrogen fühlen. Wie ein Messer mit den Namen Diktatur, das in den Rücken der erreicht geglaubten Demokratie gestossen wurde. Zu den ehemaligen DDR-Bürgern gehören auch die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident. Deren derzeit demonstrierte Hilflosigkeit, dieses aggressive Schweigen kann nichts anderes als ein flaues, dumpfes Gefühl bei den Bürgern auslösen. Oder anders gesagt: das Messer wird im Rücken noch einmal herumgedreht.

Und die im Westen der Republik aufgewachsenen Bürger? Die scheinen ihre Rolle als „Besserwessi“ wiedergefunden zu haben. „Wen soll das denn überraschen?“, „War doch eh klar!“, „Ich habe mir das schon immer gedacht“ bis hin zu „Ich hab‘ nichts zu verbergen!“. Dass diese Haltung genauso hilflos und starr ist, scheint diesen Bürgern jedoch nicht bewusst zu sein. Diese Sätze stehen auch als stilles Bekenntnis dazu, einfach den Zeitpunkt verpasst zu haben, in dem die Werte Demokratie, Freiheit und unsere „Soziale Marktwirtschaft“ nicht mehr untermauert, sondern plötzlich immer mehr entkernt wurden. Niedriglohn, Hartz4, Bankenrettung, leere Rentenkassen, schwarze Kassen … Fing das alles erst nach der Wiedervereinigung an? Die Frage ist berechtigt, müsste aber genauer heißen: War dies der notwendige Preis für die Wiedervereinigung? In den USA und Großbritannien war die neoliberale Politik bereits auf Kurs, Deutschland ging nach der Wiedervereinigung brav hinterher. War das den Deutschen damals bewusst? Hatten sie die Wahl? Die in Westdeutschland auf dem Papier erreichte Demokratie erreichte aber auch schon vorher ihre Grenzen, wenn diese den geostrategischen Interessen der USA im Wege stand. Bekanntestes Beispiel dürfte der NATO-Doppelbeschluss sein. Die Westdeutschen wehrten sich mit Händen und Füßen gegen Atomsprengköpfe auf deutschen Boden. Es schien als wäre ein ganzes Volk im Protestzustand. Der schale Nachgeschmack: Es half nichts. Weniger bekannt ist, dass trotz angeblicher Entnazifizierung hochrangige Nazis nicht nur von den „Befreiern“ gedeckt worden sind, sondern auch weiterhin politisch wirken konnten – ganz undemokratisch. Nur zwischendurch kam immer wieder etwas von diesen Geschichten hoch, wurde dann aber auch gleich wieder weggespült. Der schale Nachgeschmack jedoch, der blieb. Vollgepackt mit lauter Fragezeichen der Geschichte und dem Gefühl aus dem Wege gehend, dass da so einiges nicht richtig sein kann, kommt das Unbequeme ganz direkt und ohne Umwege: Die Frage nach der deutschen Identität, der nach 1945 und der nach 1990, die Frage nach unserer Vergangenheit und was wir daraus gemacht oder ob wir zu lange woanders hingeschaut haben. Das kann wehtun. Doch die im Konsumtempel aufgewachsenen Deutschen scheinen stattdessen entschlossen, zwischen Audi und Mercedes wählen zu können oder der Frage nachzugehen, warum andere genau diese Wahl nicht haben. Nicht zu vergessen der ganze Stolz, nicht nur zwischen roten und schwarzen Schraubendrehern entscheiden zu können. Wir haben jetzt auch Gelbe, Grüne und Dunkelrote.

Eine Konsequenz aus dem Angriff auf jeden einzelnen Bürger, eine Haltung will auch jetzt nicht erarbeitet werden. Dass das Grundgesetz, die Grundrechte der Bürger geradezu in einem Dauerfeuer angegriffen werden, nein, das will man lieber nicht sehen, weil: Das geht doch nicht. Aufgewachsen im Rausch von Konsum und Freiheit ist überhaupt nicht vorstellbar, dass sich das jemals ändern könnte. Auch das ist ein Messer im Rücken der Demokratie. Das drang ganz langsam in den Rückenmark und sitzt heute um so tiefer. So what? The Show must go on. Bis das Licht der Demokratie ganz aus ist.

Und die Jüngeren, die Generation nach 1990? Die haben sich an nichts anderes gewöhnt als vollgestopft zu werden, entweder mit Dreck, der aussieht wie Dreck oder mit Informationsmüll und Zukunftsaussichten als Verkaufsschlager. Im Wettbewerb der Eitelkeiten ist schon ein „Gefällt mir“-Klick bei einer über Facebook bekanntgemachten Hausbesetzung ein politischer Klassenkampf. Abgehakt und dann zum nächsten Posting. Ein neuer Nike-Store in Berlin? Geil! „Gefällt mir“.

Abgesehen von Ausnahmen, die es überall gibt, kann man den jüngeren Teilnehmern der Geschichte eigentlich keinen Vorwurf machen. Bei den Eltern? Die Geschichte betrifft uns alle.

Und wenn dann doch mitten in dieser gespenstischen Stimmung ein paar Leuchten zu sehen, ein paar Fixpunkte auszumachen sind, wie beispielsweise der öffentliche Brief deutscher Schriftsteller an Kanzlerin Merkel oder einzelne Journalisten, die in ihren Texten das Grundgesetz in die Höhe halten, ausgerechnet dann muss ein Bundesverfassungsrichter a.d. bei Spiegel-Online zu Wort kommen, nur um Verweise auf unseren Staat und das Grundgesetz in Frage zu stellen. Kapitulation als Vorbild? Wir sollten solchen Müll beiseite schieben! Lassen Sie uns laut werden. Der Kampf um unsere Verfassung hat begonnen.

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9 Antworten zu Deutsche Befindlichkeit: Messer im Rücken der Demokratie

  1. AntiTerrorist schreibt:

    http://rutube.ru/video/1ca910584477bf685f3201974079c0f2/

    Es wird Zeit, das diese Mauer endlich eingerissen wird

  2. Infoliner schreibt:

    Wertvoller Artikel, schreib mehr so klar und ergreifend! Widersprechen möchte ich nur der Ansicht, daß die Jüngeren in der Regel nichts dafür könnten. Jeder, der erwachsen ist, trägt mit. Absichtliche oder fahrlässige Unwissenheit, damit wird keiner durchkommen.

  3. Pingback: Messer im Rücken der Demokratie | Maria Lourdes Blog

  4. rugay schreibt:

    Hey Denkländer: Danke!

    Die Zeit seit der Reagan Administration und dem daraus resultierenden Sturmangriff auf die bisherige „alte“ Weltordnung unter dem Deckmantel der „Liberalisierung der Märkte“ (man sollte z.B. auch das damals aufkommende „Star Wars-Programm/SDI nicht vergessen) bis hin zu gesteuerter Perestroika, Zerfall des Ostblocks und dem Fall der Mauer kann garnicht genau genug beleuchtet werden. Wer diese Zeiten einigermaßen wach erlebt hat, inklusive des intensiven Gefühls des „Neuanfangs“, der Überwindung alter Ressentiments, Feindbilder und Machtblöcke, einer „Vereinigung“ nicht nur auf deutschem Boden beiwohnen zu können und die vergangenen 12 Jahre seit 9/11 dem entgegenstellt, kann nur zu dem Schluss kommen, dass wir alle um unsere Freiheit und um unsere Zukunft als freie selbstbestimmte (Welt-)bürger betrogen wurden und zwar massivst.

    Der Sichtung eines wieder aufkeimenden „Besserwessi“-Syndroms der selbstgefälligen Bewohner und Bierbauchtouristen von Legoland (ehem. Westdeutschland) stimme ich zu und ich bin selbst „Wessi“. Dazu muss man einfach nur verstehen, dass die nix anderes haben als sich geradezu mechanisch, über ihr aufoktroyiertes (und längst von der Wirklichkeit überrolltes ) Vasallen-Selbstverständnis als Wirtschaftswunderländer mit sozi–aler Marktwirtschafts und parlamentarischer Demokratie-Simulation zu definieren – so armselig das auch ist.

    Was die „Ossis“ betrifft bin ich allerdings ein bisschen ratlos über deren Passivität – obwohl ich in vielen Kommentaren/Geprächen zumindest derjenigen, die die Wendezeit bewusst erlebt haben schon raushören kann, dass ihnen bewusst ist, dass der Hase im Grunde schon wieder so läuft wie vor 30 Jahren und man sich dennoch lieber wieder in die heimische Dadscha (oder wie das heißt) in Privatgemeckere, oder gar pseudo-nationalistische Tendenzen flüchtet.

    Tja und was die Jugend betrifft: Sicher jeder sollte „seines Glückes (und seines Bewusstseins) Schmied“ werden dürfen, doch man darf einfach nicht übersehen, dass seit obengenannter Epoche eines der größten Umerziehungs und Manipulationsfeldzüge der Geschichte gestartet wurde und zwar ganz ohne polit-ideologisches Brimborium – man hat uns einfach nur eingekauft, (mit Konsum, kapitalistisch-hedonistischen Heilsversprechen u. medialer Dauerbombardierung) korrumpiert, ausgelutscht und spuckt jetzt die Reste aus.

    Dennoch, und das bestätigte sich mir einmal mehr nach Ansicht einer bzw. mehrerer Dokumentation/Artikel zum Thema Mindcontrol, scheint es einfach eine nicht ausrottbare „Dunkelziffer“ an Menschen zu geben die für Gehirnwäsche nur bedingt anfällig sind und sich nicht einfach so zurechtprogramieren lassen, aus welchen Gründen auch immer.

    Und auf die kommts jetzt echt an….

    Gruß

    • Solveigh Calderin schreibt:

      Was die „Ossis“ betrifft, so sind sie tatsächlich zutiefst enttäuscht, beraubt und – beschämt!

      All‘ das, was wir jetzt erleben, wurde den Bürgern der DDR nämlich bereits in der Schule beigebracht als Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus. Und es wurde – dank massiver West-Propaganda – nicht geglaubt, sondern – der Westpropaganda nachplappernd – als rote Propaganda abgetan.

      Heute müssen diese Menschen, die aktiv geholfen haben, die DDR zu zerstören, weil sie den Lügenbolden der Westmedien glaubten, erleben, dass sie von genau DENEN vera*scht worden sind.

      Dazu kommt, dass faktisch die gesamte Intelligenz des Ostens in den Westen abgesaugt wurde: durch die komplette De-Industrialisierung des Ostens, die eine Entvölkerung des Ostens zur Folge hatte!

      Das alles geschah meiner Meinung nach, damit diejenigen, die verstehen, was warum geschieht, nicht in einem Gebiet konzentriert, sondern hübsch einzeln in alle Winde verstreut sind – und so keinen Einfluss auf die anderen Menschen ausüben können.

      Dazu auch dieser Artikel:

      http://hesikamiscellaneous.wordpress.com/2012/07/15/wahrheit-uber-die-hintergrunde-des-ddr-mauerbaus-bis-zum-ausbluten-der-volker-heute/

      Dennoch ist heute bereits alles dermaßen in Stagnation und Dekadenz gefangen, dass eine Änderung der bestehenden Verhältnisse unausweichlich ist.

      Wohin wird die Änderung gehen? Directamente in den Faschismus oder zu einer wahrhaft menschlichen und fairen Form des Wirtschaftens und der Gesellschaft?

  5. Wafthrudnir schreibt:

    So ratlos oder gar überrascht bin ich wegen der „Ossis“, von denen ich selbst einer bin, ganz und gar nicht. Und nicht mir, weil mit die Gespräche der Leute an der Wursttheke seit vielen Jahren sehr vertraut sind.
    Ich weiß auch nicht, ich schwanke ein bisschen zwischen Bemerkungen wie „selber schuld“ und „war doch schon immer so“. Woran ich mich auf alle Fälle erinnere ist, wie ich als Student 1989 unter Lebensgefahr durch Leipzig zug – mit dem Ziel, den alten Mist loszuwerden und ein besseres Heimatland aufzubauen und natürlich die zahlreichen Errungenschaften im Miteinander bewahren. Es dauerte aber keine 2 Monate, da kamen Hinz und Kunz und Merkel und weiß ich nicht wer noch alles aus den Löchern gekrochen in Sicherheit und riefen nach Demokratie, Freiheit, Abrissbirnen und vor allem D-Mark – mit den zugehörigen Sprechchören. Die Kämpfer von nur kurze Zeit davor, seien es Pfarrer Ullmann, Gewandhauskapellmeister Kurt Masur oder auch meine Wenigkeit warfen schon damals entnervt das Handtuch. Dazu brauchte es nicht mehr dem verwunderten Getue der machtgeilen Wendehälse, als viele Träume den Bach runter gingen. Weil man ja schließlich nicht wissen konnte, das die gewachsenen Wirtschaftsbeziehungen wegbrechen würden. So wie man jetzt ganz überrascht wegen der Bespitzelung tut und sich entrüstet in die Facebook-Matrix einklinkt.
    Na macht mal und versucht euer Glück, ihr Jüngeren! Vielleicht bekommt ihr es ja noch hin. Mein Heimatland, in dem ich mich zu Hause fühle, ist das aber nicht mehr. Und ich glaube nicht, dass ich mit dieser Einstellung – ob richtig oder falsch – so ganz allein stehe auf weiter Flur.

  6. M.Brand schreibt:

    So wie ich es erlebt habe hat das, was wir heute ‚Neoliberalismus‘ nennen, bereits Mitte der 70er Jahre bei H.Schmidt angefangen. Unterschwellig war er aber schon in der ersten ‚Wirtschaftskrise‘ nach WK II 1967 spürbar.
    Das Deutschland allerdings ein Vasall der Lobbydiktatur USA ist, daran herrscht für mich kein Zweifel.
    Ganz klar fühl ich mich hier Zuhause, muss deswegen ja nicht mit allem einverstanden sein.
    Weder physische noch mentale Emigration ändert hier irgendwas.

    MfG: M.B.

    • Solveigh Calderin schreibt:

      Sich „zu Hause fühlen“ hat für mich in diesem Zusammenhang etwas mit „mich mit diesem Staat identifizieren können“ zu tun, nicht mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Region.
      Selbstverständlich liebe ich meine Heimat. Aber ich liebe ganz und gar nicht den Staat BRD und seine Politik, die das gesamte deutsche Volk in Mißkredit bringt – und das nicht das erste Mal in den letzten einhundert Jahren. Daher grenze ich mich von diesem Verbrecher-Staat BRD ab.
      Mit der verbrecherischen, räuberischen, mörderischen Politik der Finanz-Mafiosis (um nicht Finanzfaschisten zu sagen) KANN ich mich nicht „zu Hause fühlen“. Denn zu Hause fühle ich mich wohl. In diesem Staat ganz und gar nicht.

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