Die lebendig gehaltende Faszination von monumentaler Macht

Eine Antwort auf die nicht stattfindende Empörung der Deutschen über die Totalüberwachung könnte ein Blick in die Kinogeschichte nach 1945 geben. Es ist sicher nur ein Aspekt von vielen, aber dafür ein sehr interessanter. Denn auf der Leinwand fand die Idee einer totalitären Macht auch nach dem 2. Weltkrieg ihre volle Ausbreitung und ein großes zuschauendes Publikum – bis heute.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges dauerte es nicht länger als vier Jahre, bis es über ganz Deutschland verteilt wieder 3.300 „Lichtspielhäuser“ gab. Zehn Jahre später waren es doppelt so viele. Besonders beliebt waren die Monumentalfilme aus Hollywood. Der 1951 produzierte Film „Quo Vadis?“ (deutsch: Wohin gehst du?“) zum Beispiel war so ein „aufwendiger Filmschinken“. Ein Massenauflauf von Stars und 30.000 Statisten vor den aufwendig gestalteten Kulissen eines mächtigen Roms, welches gegen Ende des Films im Feuer niederbrennt. Nur, um es in nachfolgenden Filmen wieder in seiner ganzen monumentalen Größe wieder aufgebaut zu sehen und zu erleben. Sicher war einer der Höhepunkte der 1959 entstandene Klassiker „Ben Hur“. Auch das Alte Ägypten mit seinen Pyramiden und mächtigen Pharaonen war immer wieder ein willkommendes Schaustück in deutschen Kinosälen. Diese überdimensionalen Prachtbauten, diese totalitären Regimente und die begleitenden Menschenmassen – erinnern diese doch auch an das Selbsterlebte, zeugen aber letztendlich auch von der Faszination, die von scheinbar übermächtigen Welten und Personen auszugehen scheinen. Gibt es hier eine Analogie zu Hitler, dem Nationalsozialismus und der monumentalen Architektur von Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer? Die von Hitler geplante „Welthauptstadt Germania“ sollte nicht weniger sein als eine Machtdemonstration, nur vergleichbar mit dem Alten Ägypten, Rom und Babylon. Die Intention dieser monumentalen Architektur war es, dem einfachen Bürger seine Bedeutungslosigkeit zu zeigen und ausländischen Gästen Respekt einzuflößen. Kaiser, Könige und Fürsten demonstrierten bis zum 19. Jahrhundert auf gleicher Weise die Machtverhältnisse. In der westlichen Welt präsentiert sich heute nur noch die Katholische Kirche in ihrer Architektur als Übermacht. Weniger bekannt ist, dass auch heute noch die religiös-monumentale Architektur des Alten Roms, Ägyptens oder des babylonischen Reiches für ganze Städteplanungen Vorbild ist. Dafür lohnt sich ein Blick nach Astana, der Hautstadt von Kasachstan oder nach Dubai, wo eine ganze Pyramiden-Stadt entstehen soll.

Die Zerstörung des Todesterns

Zurück in den Westen: In den 1970er Jahren liefen die „Sandalenfilme“ nicht mehr. Das Publikum schien die monumentale Drohkulisse überwunden zu haben. Vietnam, der Kalte Krieg, Hippies, Studentenrevolte, Friedens- und Anti-Atombewegung, sexuelle Befreiung, Emanzipation, Abtreibungs-Debatte … der Alltag war von Politik durchtränkt und der Blick gegenwartsgerichtet. Die Faszination am Überdimensionalen, an der dunklen Macht kam also nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern nun aus der Zukunft: 1978 tobte auf deutschen Leinwänden der „Krieg der Sterne“. Eine kleine Gruppe von Rebellen kämpfte gegen die „dunkle Seite der Macht“, personifiziert in einem scheinbar unbesiegbaren Imperator. Nicht nur Städte oder Länder wurden verwüstet. Ganze Planeten wurden ausgelöscht – auf Leinwänden wie man sie größer vorher nicht sah und begleiten von einem Sound, wie er realitätstreuer kaum sein konnte. Am Ende des Films wurde der schwarze, monumentale Todesstern zerstört, das Böse konnte abgewendet werden. Das Publikum verließ zufrieden den Kinosaal – nur um kurze Zeit später wieder gebannt auf die Leinwand zu starren, als es hieß: „Das Imperium schlägt zurück“. Die „Star Wars“-Reihe begleitet das Publikum bis zum heutigen Datum. Der Walt-Disney-Konzern plant eine Fortsetzung. Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, dass Ende der 1970er Jahre auch ganz andere Hollywoodstreifen ein ganz anderes Publikum fanden. Polit-Thriller wie „Die Unbestechlichen“, „Das China-Syndrom“, „Love-Story“ oder eben auch das Scheidungsdrama „Kramer gegen Kramer“. Doch soll es sich in diesem Text weiter um die „Blockbuster“ und das Massenpublikum drehen.

Rettung von ganz oben

Schnell wurde klar, dass das unfassbar Böse zwar irgendwie ersehnt wurde, aber nicht konkretisiert werden konnte, da Entertainment eben nicht politisch sein durfte. So musste das Böse entweder aus dem All oder aus dem Jenseits kommen. In der „Supermann“-Reihe kam nicht nur die dunkle Bedrohung von Oben, sondern auch sein Retter. Ein außerirdischer Kampf mit überdimensionaler Zerstörungskraft und außerirdisch mächtigen Kräften. Als Zuschauer war man fasziniert von dieser überirdischen Macht, staunte, bevor man in seine kleine Welt zurückkehrte. Die religiöse Mythologie spiegelte sich noch direkter in Horrorfilmen wieder, die ebenfalls bis Mitte der 1980er Jahre ein großes Publikum fanden. „Rosemaries Baby“, „Der Exorzist“, „Das Omen“ und „Poltergeist“ beispielsweise gelten heute noch als Meisterwerke im Zeigen einer dunklen Seite der Macht. Die Filmwissenschaft vermutet den damaligen Erfolg solcher Filme darin, dass das Publikum damals die atomare Bedrohung im Kalten Krieg, das allgegenwärtig Unfassbare mit Horrorfilmen zu kompensieren versuchte. Das würde bedeuten, dass nach Ende des Kalten Krieges die Nachfrage verschwunden war. Ist sie das? Zeitweise schon. Mit „Scream“ kehrte der Horror zwar zurück, aber mit einem selbstreflektierenden Augenzwinkern. Der klassische Horrorfilm wurde in den 1990er Jahren abgelöst von der Faszination des Bösen in realen Personen. In „Das Schweigen der Lämmer“ sympathisierten die Zuschauer mit dem Kannibalen Hannibal Lector, in „Bram Stoker’s Dracula“ durfte der Fürst der Vampire sich des Mitleids des Publikums sicher sein, ebenso die verzweifelten Untoten beim „Interview mit einem Vampir“. Das Böse vermochte das Kinopublikum schließlich vollends zu verunsichern, als Killer auf der Leinwand erzählten, dass sie gar nicht anders könnten als töten, dass die Gesellschaft nach dem Bösen verlangt, um sich selbst ihrer heilen, guten Welt bewusst zu sein („Natural Born Killers“). Was bleibt übrig als mit den Gangstern, den Auftragskillern zu schmunzeln, sie gar zu kultivieren? „Pulp Fiction“ machte die „dunkle Seite der Macht“ zu einem coolen, netten Nachbarn mit einem eben etwas außergewöhnlicheren Beruf. Die Schlussfolgerung aus den beiden zuletzt genannten „Klassikern“ der 1990er Jahre bis hin zum klaustrophobischem systemkritischen „Fight Club“ war sicher überfordernder, überbordender und tatsächlich intellektueller als man es bis dahin im Mainstream gewohnt war. Der Zuschauer fühlte sich nicht mehr klein. Nein, er löste sich – verloren in philosophischen Grundsatzfragen – förmlich auf.

Es musste wieder abstrakter und dafür scheinbar unpersönlicher werden. Das Monströse, Monumentale sollte nicht mehr vom Inneren kommen, sondern von Außen, von ganz weit draußen. Die Erlösung war ein Meister aus Deutschland: Roland Emmerich. Der Regisseur wusste schon mit dem Film „Stargate“, wie man das Kinopublikum in seinen Bann schlägt. Die unglaubliche Macht vom Sonnengott Ra, sein Sklavenvolk, das Alte Ägypten zusammengemixt mit „Raumschiff Enterprise“ – und schon schafft man staunende Augen und offene Münder. Sein nachfolgender Film jedoch übertraf in seiner visuellen Kraft alles bisher auf der Leinwand dagewesene. Wurde noch knapp 20 Jahre zuvor ein ganzer Planet mit einem einzigen Effekt zerstört, in dem man sah, wie ein Strahl auf etwas Rundes traf und dieses Rund, welches der Planet sein sollte, explodierte, zeigt nun „Independance Day“ diese Zerstörung detailliert in Zeitlupe. Angriffsziel Erde. Raumschiffe, die die Sonne verdunkeln verwüsten ganze Hauptstädte. Die monumentalen Wahrzeichen wie das Weiße Haus fallen in Schutt und Asche. Es ist eine gigantische Machtdemonstration außerirdischer Wesen. Ach, was bist du klein, du Mensch. Natürlich: Unter der Führung der US-Armee vereinigen sich die Völker der Erde und können so die Außerirdischen besiegen – mit Hilfe eines Virus.

Das Ende des monumentalen Films und seine Widerauferstehung

Nun wurde der Mensch selbst zum Virus, jedenfalls für das Programm „Agent Smith“ im 1999 produzierten Film „Matrix„. Nachdem der kalte Krieg längst vorbei war und sich die Welt auf der Leinwand zusammengeschlossen hat, wurde die große Bedrohung eben in dieser Welt gesucht – als Ganzes. Die Welt war nun eine von Maschinen erschaffene „Matrix“, in der uns die Realität nur vorgegaukelt wird. Ergo ist auch der Film in Wahrheit nicht existent, die Suche nach Unterhaltung ein dumpfer Schmerzstiller. In Wahrheit ist die Erde, ist das Leben wüst und leer. So wie die Kinoleinwand, wenn der Abspann gelaufen ist. Und es brauchte wieder ein Erlöser, der uns unbedarften Menschen aus dem Schlaf weckt. Die alte Erzählweise war an ihrem Ende angelangt, nur um dann wieder zum Anfang zurückzukehren. Die Welt musste neu errichtet werden.

Dann kam der 11. September 2001. Das Überdimensionale wurde wieder Wirklichkeit.

Begleitend zum von Präsident Busch ausgerufenen „Kreuzzug“ erlebten wir auf der Leinwand die Wiederauferstehung der historischen Monumentalfilme. „Gladiator“, „Alexander“, „Troja“. Dazu die epischen Schlachten in „Der Herr der Ringe“. Gigantische Massenaufläufe, denen wir zusehen durften, wie sie für das Gute in den Krieg zogen, ein Krieg gegen das mächtige Böse, der nie zu Ende zu gehen schien. Es war noch einmal Zeit für die ganz große Geschichte, in der wir selbst klein und unbedeutend sind. Die scheinbar eigene Machtlosigkeit und die heimliche Sehnsucht nach dem Übermächtigen, dem Überdimensionalen wird heute in eine Art Hollywood-Dauerfeuer befriedigt. In Zeiten von Dauerkrisen und Dauerkriegen, die die Menschen scheinbar nicht beenden können, richtet sich die Hoffnung ganz auf die Superhelden. Und diese retten nun gefühlte jede Woche unsere Welt. Aber ob Spiderman, Superman, x-men, Batman oder gleich die ganze Gerechtigkeitsliga zusammen: Die Superhelden bieten keine Lösung an, erfüllen aber unsere heimliche Lust nach dem Monumentalem, der Zerstörung dessen und seiner Wiederauferstehung, die Vernichtung des Bösen und seine Auferstehung für den nächsten finalen Kampf. Die dunkle Seite der Macht ist überall und allgegenwärtig, sie ist es in unserer Kultur schon immer gewesen, wir sind von der Leinwand längst „gebrieft“ worden. Der reale Schrecken im Überwachungsskandal, der reale Kampf um Grundrechte und Grundgesetz scheint sich vielleicht auch deshalb im bequemen Sessel und in folgender Frage zu verlieren: Wo verdammt bleibt Superman? Was haben wir gelernt? Je größer eine Geschichte ist, desto kleiner und passiver werden wir.

Natürlich läuft auch derzeit im Kino ein Hollywoodfilm, in dem es um den finalen Kampf der Menschheit geht. Völlig untypisch für die heutige Zeit bekam dieser einen deutschen Titel: „Das ist das Ende“. Ein Versprechen?

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